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Landleben 2.0: Smart Cities und Smart Rural Areas verschmelzen zum Smart Country

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Haben alle Regionen in Deutschland dieselben Entwicklungschancen? Um diese Frage positiv beantworten zu können, forschen Wissenschaftler und Unternehmer quer durch die Republik an smarten Lösungen, die die ländlichen Gebiete aufwerten sollen. Dutzende Projekte haben wir in unserer Reihe „Landleben 2.0“ vorgestellt – jetzt ist Zeit für ein Fazit.

„Einschränkungen und Hindernisse, die derzeit gegen das Landleben sprechen, sollen durch smarte, softwarebasierte Lösungen ausgeräumt werden. Mit neuen Konzepten wollen wir das Landleben vom Abstellgleis auf die Überholspur bringen.“

So äußert sich das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE), Kaiserslautern über seine Forschungsreihe „Smart Rural Areas“. Die Herausforderung war groß: In vielen ländlichen Regionen sinken die Einwohnerzahlen, vor allem junge Menschen wandern ab. In der Folg wird die Versorgung ausgedünnt, die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen sowie Bildungs- und Kulturangeboten nimmt ab. Ein Teufelskreis, der nur durch innovative Konzepte durchbrochen werden kann, die sich am Bedarf vor Ort orientieren.

In sieben Beiträgen zum „Landleben 2.0“ haben wir zahlreiche Projekte vorgestellt, die die Lebens-, Wohn- und Arbeitsqualität auf dem Land verbessern – oder zumindest dabei helfen können, dieses Ziel zu erreichen. Wir haben über Versorgungsbusse und Multiservice-Shops berichtet, haben über eine kleine süddeutsche Gemeinde gestaunt, die mittels erneuerbarer Energien fünf Mal mehr Strom erzeugt als sie verbraucht, und wir haben uns spannende Telemedizin-Projekte angeschaut, mit denen etwa die Gesundheit von Senioren überwacht wird. „Smart Farming“, der intelligent vernetzte Agrarbetrieb, ist der Schwerpunkt unseres Beitrags zum Thema Landwirtschaft, und längst gibt es auch erfolgreiche Projekte zur Verbesserung der Bildungssituation vor Ort. Spezielle Portale von kleinen Städten und Gemeinden beteiligen Bürger stärker an Entscheidungsprozessen, und eine ganze Reihe von cleveren Angeboten steigern die Wertschöpfung in Regionen – zum Wohle aller, die in ihnen leben.

Damit dies gelingt, ist bisweilen ein Durchbrechen alter Gewohnheiten erforderlich: „Ein Festhalten an starren Auflagen, Gesetzen und Verordnungen behindert häufig den Tatendrang“, sagt Uwe Amrhein, Leiter des Generali-Zukunftsfonds. Der Zukunftsfonds hat gemeinsam mit dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung die Studie „Von Hürden und Helden“ veröffentlicht, die dreißig Projektbeispiele aus dem gesamten Bundesgebiet vorstellt. Das Institut ist ein unabhängiger Thinktank, der sich mit Fragen regionaler und globaler demografischer Veränderungen beschäftigt.

Amrhein weiter: „In Zeiten des demografischen Wandels sind wir auf genau dieses bürgerschaftliche Engagement angewiesen. Kluge Ideen, Mut, Witz und Beharrlichkeit sind nötig, um die Hürden aus dem Weg zu räumen.“ Neben engagierten Bürgern und Kommunen bräuchten neue Angebotsformen auch rechtliche Freiräume, fügt Institutsdirektor Reiner Klingholz hinzu: „Der ländliche Raum kann sich nur erneuern, wenn flexiblere Regelungen eine größere Vielfalt an Möglichkeiten zulassen. Nur so entwickeln sich neue Ideen.“

70 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land. (C) Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V.
70 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land. (C) Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V.

Das Ziel ist jedoch nicht nur die „Modernisierung“ ländlicher Gebiete – in der immerhin 70 Prozent der deutschen Bevölkerung leben und 60 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen angesiedelt sind. Vielmehr soll ein einziges „Smart Country“ entstehen, in dem die Smart Rural Areas und die Smart Cities sich möglichst optimal und gleichberechtigt ergänzen. Schließlich läuft der Anschluss an die Zukunft in den Großstädten längst auf Hochtouren.

Durch den Einsatz intelligenter Informations- und Kommunikationstechnologien will das Fraunhofer IESE im ländlichen Raum Probleme der Mobilität und Logistik durch neue Geschäftsmodelle lösen, Infrastruktur und Gebäudemanagement durch IT-Einsatz effizienter nutzen und neue Arbeitsmodelle durch hochmoderne Technologien und clevere Organisationsmodelle einleiten. „Gerade auch für junge Familien sollten attraktive Alternativen auf dem Land realisiert werden“, erklärt Institutsleiter Peter Liggesmeyer. „Das können neuartige Arbeitsmodelle sein, Mobilitätslösungen oder auch Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung.“

Damit, so Liggesmeyer, könne auch ein Umdenken von Lebensentwürfen stattfinden – und unabhängig von Randbedingungen könne jeder frei entscheiden, wie und wo er leben möchte. „Ob nun Smart Cities oder Smart Rural Areas – die Herausforderungen für die Lebensmodelle der Zukunft müssen jetzt in Angriff genommen werden.“

Mit dem Projekt „Smart Rural Areas – Intelligente Technologien für das Land von morgen“ gehört das Fraunhofer-Institut zu den Preisträgern des bundesweiten Wettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ 2014/15. Deutschlandweit hatten sich gut 1000 Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Vereine zu dem Wettbewerbsthema „Innovationen querfeldein – Ländliche Räume neu gedacht“ beworben.

„Es gilt, gemeinsam die Zukunft zu gestalten, denn: Was wäre Deutschland ohne seine Dörfer?“ (Peter Liggesmeyer)

„Der digitale Wandel bietet die Chance des Zugangs, der Gestaltbarkeit sowie der Flexibilisierung von staatlichen und privaten Leistungen“, schreiben die Autoren der Initiative IGC – Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V. Die Plattform bietet Akteuren aus allen gesellschaftlichen Bereichen die Möglichkeit, die Chancen und Risiken dieses Wandels zu diskutieren und Lösungsansätze zu produzieren.

„Ohne die Rückbesinnung auf die Werte und Leistungen der Menschen in ländlichen Regionen ist keine Stadt denkbar, ist im Grunde kein Staat zu machen“, so das Credo und Resümee der Initiative – und für uns das perfekte Schlusswort.

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