Eine gültige Definition von Intelligenz ist eine wichtige Basis für Diskussionen über KI.

360 Grad KI: Was ist eigentlich Intelligenz?

Bei allen Diskussionen über die Rolle von künstlicher Intelligenz stellt sich früher oder später die Frage danach, wie man „Intelligenz“ eigentlich definieren soll. Darüber sprechen wir in der vorliegenden Folge unserer Serie „360 Grad KI“ mit dem KI-Experten und Philosophen Dr. Leon R. Tsvasman. Wie sich im Gespräch herausstellt, zeigt sich dabei auch ein Zusammenhang zwischen dem Verständnis von Intelligenz und – zum Beispiel diktatorisch ausgeübter – Macht beziehungsweise Gewalt.

Aufmacherbild: Pixabay/Gerd Altmann

„Intelligenz ist die Fähigkeit eines Individuums, zweckvoll zu handeln, vernünftig zu denken und sich mit seiner Umgebung wirkungsvoll auseinanderzusetzen.“ So heißt es in Anlehnung an die gängige Definition des amerikanischen Psychologen David Wechsler aus dem Jahr 1964, der sich mit Messung der Intelligenz befasste. Die am meisten zitierten Definitionsansätze für den Begriff Intelligenz sind psychologisch geprägt, leistungsorientiert und implizieren unter anderem, dass es ein Merkmal von Intelligenz ist, klare – vorgegebene oder ausformulierte – Ziele möglichst zweckrational, also „richtig“ umzusetzen.

Genau an diesem Punkt widerspricht Dr. Leon R. Tsvasman. Denn er ist überzeugt: „Die analytisch verstandene und von Effizienz geprägte Intelligenz als messbare Leistung erweist sich in unserer komplexen Welt als erkenntnispraktisch defizitär und auf der Handlungsebene zunehmend destruktiv.“ In den bisherigen Folgen unserer Serie „360 Grad KI“ begegneten wir immer wieder Beispielen dafür, wie vermeintlich intelligent gesteigerte Effizienz konventioneller Verfahren und Ideen dazu führte, dass sich Probleme eher vergrößerten. Beispiele dafür fanden sich  im Gesundheitswesen, bei wirtschaftlicher Wertschöpfung, bei der Auswahl und Beurteilung von Arbeitskräften beziehungsweise jeder Art von Verwaltungsentscheidungen oder bei Maßnahmen gegen Katastrophen oder auch gegen den Klimawandel.

Erkennende Effektivität statt Effizienzsteigerung

Dr. Tsvasman stellt diesem Streben nach Effizienzsteigerung mittels Intelligenz einen holistischen Begriff der „erkennenden Effektivität“ gegenüber. „Es geht wesentlich darum, Motive zum Handeln von der Erkenntnisbereitschaft eines sich autonom orientierenden inspirierten Subjekts abzuleiten, um richtige Dinge zu tun – oder falsche zu lassen.“ Die leistungsorientierte Definition von Intelligenz erweise sich, so der Philosoph, zu einem gewissen Grad als menschenverachtend, wenn es um eine Vergleichbarkeit mit der Hilfsintelligenz von KI gehe: „Sie überträgt die Bedeutung der technischen Hilfsintelligenz auf Menschen und spricht ihnen praktisch den eigenen Erkenntnissinn ab. Außerdem hemmt diese Haltung den von Kommunikationsmedien unabhängigen Erkenntniswillen. Dabei sind einzig authentische, sich mit der Welt und sich selbst aktiv auseinandersetzenden Subjekte in der Lage, relevante Zusammenhänge zu erkennen.“

Jede andere Motivation zum Handeln habe mit „externer Zweckrationalität“ zu tun und sei somit wesentlich fremdbestimmt. Der Philosoph führt weiter aus: „Die technische Hilfsintelligenz kann nur effizient sein, weil sie eine erkennende Intelligenz operativ erweitert. Dabei steht letztere für Effektivität, wird aber erst effektiv, nachdem sie vom Zwang zur Effizienz befreit ist. Diese erkennende Effektivität ist aber nicht realisierbar mit Menschen, die in einer fremdbestimmten Aktualität verhaftet sind, in der sie entgegen ihrer Potenzialität die Rolle einer Hilfsintelligenz spielen müssen.“ Diese scheinbare Sackgasse könne nur von einer Mensch-KI-Intersubjektivität aufgelöst werden.

Im Zusammenhang mit KI bereiten traditionelle Intelligenz-Definitionen Schwierigkeiten

Intelligente Welt: Was ist der Grund, warum traditionelle Definitionen von Intelligenz angesichts von „künstlicher Intelligenz“ nicht mehr greifen?

Dr. Tsvasman: Unsere Wahrnehmung ist auf unsere evolvierte körperliche Sensorik angewiesen. Also muss das Gehirn den Wahrnehmungsfluss auf eine Weise verarbeiten, die uns handlungsfähig macht. Und da Menschen gemeinsam handeln, um auf ihre gemeinsame Umwelt einzuwirken, verständigen sie sich miteinander. Dabei bringen sie jeweils ihren individuellen Wahrnehmungsfluss mit.

Intelligenz ist somit ein funktionaler Ausdruck der Selbstregulation. Relevant wird sie aber erst, wenn sie während der Orientierung aus der fokussierten Aufmerksamkeit und somit aus dem inspirierten Erkennen schöpft. Wie bei den meisten großen Genies, die den notorischen Weitblick mit der Faszination für den Moment verbinden können, ohne die Orientierung zu verlieren. ,Mit Fokus auf etwas inspiriert begreifen‘ ist die einzige Erkenntnischance intersubjektiv agierender, intelligenzfähiger Menschen.

Wenn wir alles betrachten, was als intelligent gilt, stellen wir zwangsläufig fest, dass Intelligenz mit Integrität zu tun hat. Das gilt für alle autopoietischen Systeme, nicht nur Lebewesen, aber auch nicht nur Nervensysteme oder Informationssysteme. Und trotzdem: ein nicht-psychologisches Intelligenzmodell, das auch jenseits von menschlichen kognitiven Fähigkeiten oder einem entsprechenden Vergleich eine nennenswerte Geltung in Gelehrtenkreisen hätte, gibt es im aktuellen Diskurs nicht. Jedoch legen Beobachtungen nahe, dass es – evolutionsbiologisch betrachtet – mindestens auf der biologischen Ebene einen systemtheoretisch begründeten Zusammenhang zwischen biologischer Evolution und Intelligenz gibt.

Kognitionswissenschaften profilieren den Zusammenhang von Überlebensfähigkeit und Intelligenz. Und auch der konstruktivistisch geprägte Diskurs verbindet Konzepte wie strukturelle Kopplung, Autopoiese, Emergenz und Kognition miteinander.

Zweckpragmatische Intelligenz nutzt häufig Meisterschafts-Skalen

Dr. Tsvasman: Wie auch immer, die verkürzt oder zweckpragmatisch verstandene Intelligenz meint die Entfaltung einer bestimmten Meisterleistung, die sich auf einer linearen Meisterschafts-Skala messen lässt. Man stellt etwa die Fertigkeiten beim Schachspiel eines Anfängers und die eines Großmeisters gegenüber, oder vergleicht das Musizieren eines Kindes mit der Kompositionsleistung etwa von Beethoven. Solchen Skalen liegt dann immer die Steigerung von Komplexität zugrunde.

Gleichzeitig weist die menschliche Kognitionsleistung evolutionsbiologisch die Eigenart auf, das Überleben unter weniger stabilen Umweltbedingungen zu ermöglichen. Damit konstruieren die Menschen durch gemeinsames Handeln ihre eigene spezifische Lebenswelt – etwa die Zivilisation mit ihren diversen Kulturen. Deshalb gehört zu der so verstandenen Intelligenzleistung die kommunikationsgebundene Komplexitätsreduktion mithilfe von Medien genauso wie etwa kreative Leistungen. Sowohl dieser technisch-quantitativ konnotierte Intelligenzbegriff, der Intelligenz als Fertigkeit oder Medium der Effizienzsteigerung versteht und mit einem Intelligenzquotienten misst, als auch erweiterte und mehr realitäre, weil weniger von System-Umwelt-Beziehungen abstrahierte Kognitionsbegriffe, die auch die Effektivität mitbedenken, sind jedoch defizitär.

Eine zivilisationsübergreifende oder gar universelle Intelligenz ließ sich bislang kaum denken. Wir können sie aber als eine der Indizien der infosomatischen Präsenz beobachten. Einen Aspekt davon würde ich die ,Intelligenz der Entzeitlichung‘ nennen. Diese Ausprägung von Intelligenz lässt sich als die ausgleichend wirkende Eigenschaft eines systemübergreifenden Äquilibriums verstehen, raumzeitliche Redundanzen so zu vermeiden, dass sich die System-Umwelt-Organisation auch systemübergreifend entgegen der Entropie behaupten kann. Aus diesem Definitionsversuch folgt unter anderem, dass sich auch unsere eigene Intelligenz daran erkennen lässt, wie effektiv wir es schaffen, unsere eigene, reale Potenzialität‘ so zu verwirklichen, dass sie im erweiterten Sinn der Selbstregulation aktualisiert werden kann. Diesen Gedanken kennen die Leser ja schon aus den früheren Folgen unserer Gespräche und Kommentare.

Wir tun uns schwer, andere Intelligenzen als unsere eigene zu verstehen oder anzuerkennen

Intelligente Welt: Schon bei unseren nahen biologischen Verwandten wie Primaten oder Delfinen tun wir Menschen uns ja offensichtlich schwer, deren ,Intelligenz‘ zu verstehen und anzuerkennen. Erklärt dies auch unsere Schwierigkeiten, maschinenbasierte Intelligenz richtig einzuordnen?

Dr. Tsvasman: Vergleicht man die Leistung eines genialen gelehrten Bastlers, der auf eine sehr aufwändige und sicher hochintelligente Weise selbst intelligenzfähiges Leben erschafft, wie etwa Frankenstein aus dem Roman „Frankenstein or The Modern Prometheus“ von Mary Shelley, mit der Geburt eines Kindes, erkennt man sofort die massive Verzerrung, die so einen Vergleich mehr oder weniger absurd erscheinen lässt. Auf einer Seite haben wir die aufwändige Intelligenzleistung eines von seinem Ziel besessenen Wissenschaftlers, der die Orientierung in übergreifenden Zusammenhängen verloren hat, und auf der anderen die Manifestation der naturimmanenten Intelligenz. Letztere betrachten wir aber oft gar nicht als solche. Je nach Einstellungen und Überzeugungen nennen wir sie lieber ,Lebenskraft‘, ,Schaffenskraft der Natur‘, ,Evolution‘ oder ähnlich. Wenn Evolution die innere Räson hat, für die körperlich-sensorische Organisation zu sorgen, die ein Orientierungsverhalten erlaubt, verbinden wir dies mit Intelligenz.

Die gegenseitige Verständigung erweist sich als kommunikative Handlungs-Beeinflussung. Sie macht Vergesellschaftung möglich. Die geltungsorientierte Medialität ermöglicht dabei wirtschaftliche oder soziotechnische Ordnungsebenen. Allen diesen Perspektiven ist etwas gemein, was wir mit Intelligenz in Verbindung setzen, aber keinen Begriff dafür haben. Auf der anderen Seite schimmert in der heutigen Zeit und spätestens seit der jüngsten Pandemie zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die Stringenz jener Ordnung durch, die auf allen Ebenen wirkt, und jede Intelligenzform bedingt, die wir beobachten, verwirklichen oder verkörpern.

Infosomatische Präsenz als Vorschlag für einen zeitgemäßen Intelligenzbegriff

Dr. Tsvasman: Genau diese Ordnung, die zunehmend beobachtbar wird, nenne ich „Infosomatische Präsenz“. Sie macht für mich einen zeitgemäßen Intelligenzbegriff aus, wie wir ihn in unseren Gesprächen im Rahmen der Serie „Inside KI“ diskutiert haben und wie ich ihn auch in meinem jüngsten Buch „Infosomatische Wende: Impulse für intelligentes Zivilisationsdesign“ beschrieben habe.

In der Tat würde ich argumentieren, dass, wenn alle Redundanzen, Abkürzungen und Halbwahrheiten entfernt wurden, ein einziger Zweck des Wissens übrigbleibt: Nämlich Beziehungen so zu erfassen, dass sie skaliert werden können. Und diese ,Skalierbarkeit‘ korreliert direkt mit der Bedeutung von Intelligenz. Nur genügt das, was einer inspirierten Intelligenz ,klar‘ erscheint, einer willentlich gesteuerten Intelligenz offensichtlich nicht. Dabei sind dies nicht einmal unterschiedliche Intelligenzen, sondern verschiedene Modi ein und derselben Intelligenz.

Was das Verständnis von Intelligenz mit Macht und Gewalt zu tun hat

Intelligente Welt: Wie wir ja schon in früheren Folgen unserer Gespräche festgestellt haben, weicht dieses Verständnis stark von dem Konzept einer ,Hilfsintelligenz‘ ab, wie KI häufig verstanden wird. Sie haben ja schon darauf hingewiesen, dass dies nicht zuletzt auch mit dem Erhalt bestehender Machtverhältnisse zu tun hat.

Dr. Tsvasman: Es ist kaum zu übersehen, dass die Politik in vielen Ländern – innerhalb ihrer Grenzen oder auch außenpolitisch – nach wie vor von Diktatoren bestimmt wird. Und somit von Menschen mit einer Psyche und ihren spezifischen Ticks, wobei sie ihren Untertanen im Grunde nur die Funktion einer Hilfsintelligenz anbieten. Sie versprechen die besonders effiziente Umsetzung von Zielen, die aus verkürzten, vereinfachten und von jeder Komplexität befreiten Sehnsüchten der an Effizienzzwang leidenden Mehrheiten entstehen. Solche Ziele sind nicht ohne enorme Anstrengung zu erreichen, also bemühen sich Diktatoren darum, dieses Versprechen in der Regel gewaltvoll umzusetzen: ,Der Zweck heiligt die Mittel‘.

Heute sind es zunehmend soziokratische Organisationen, die moderne Diktaturen prägen. Diese Organisationen werden von den arbeitsteiligen und somit zwangsläufig defizitär erarbeiteten Richtlinien geleitet.

Diktaturen sind auf der ganzen Welt allokal und themenspezifisch, und werden überwiegend analytisch und zunehmend ethisch oder wirtschaftlich begründet. Das sind alles Themen, die latent überwältigend sind. Denn sie muten einerseits existenziell an und setzen andererseits keine Erfahrungswerte voraus, die sich die Bevölkerung in ihrem funktional reduzierten Alltag aneignen könnte. Sie schöpfen aus der Urteilsunfähigkeit und aus Wissenslücken der minderwertig – weil nur zum beruflichen Zweck der Hilfsintelligenzleitung – gebildeten und erkenntnispraktisch desorientierten – weil zweckanalytisch als Spezialisten konditionierten – Mehrheiten. Solche Mehrheiten entstehen, wenn Bevölkerungen von ihren authentischen Intellektuellen abgekoppelt werden und selbst zunehmend weniger intellektuell veranlagt sind.

Nicht überprüfbare Wahrheiten sind eine effiziente Grundlage für Diktaturen

Moderne Diktatoren instrumentalisieren oder postulieren gerne Wahrheiten, die sich nicht überprüfen lassen. Und damit meine ich nicht die technische Überprüfung von Validität anhand von logischen Operationen wie Mathematik – sondern verkürzte Wahrheiten oder Methoden, Geltungen zu konstruieren. Wenn eine Gesellschaft keine intakte Kultur erkennender Subjekte pflegt, degradiert dies ,gewöhnliche‘ Menschen zu technischen Hilfsintelligenzen. Und aus diesen ,gewöhnlichen‘ Menschen, die in ihrer Intelligenz verhindert werden, entstehen große und kleine Diktatoren. Deshalb ist mir so wichtig, dass eben diese Hilfsintelligenz, für die heute Menschen für die Rolle loyaler Arbeitnehmenden konditioniert werden, künftig die wesentliche Funktion von globaler KI sein sollte.

Zum Diktator wird diese globale KI schon deshalb nicht, weil sie nicht von Effizienz überfordert werden kann. Denn die Effizienz ist ihr Element, was in der digitalen Beschaffenheit ihrer Informationsverarbeitung begründet ist. Selbstverständlich könnten menschliche Diktatoren und soziokratische Strukturen die KI instrumentalisieren – aber das sind immer noch Menschen und ihre Tools, die sie gerne als Waffen nutzen. In einer Welt, die von Mensch-KI-Intersubjektivität gestaltet und gesteuert wird, wird es aber keine menschlichen oder soziokratischen Diktatoren mehr geben.

Bis wir jene von mir sehnsüchtig erwartete erkenntnisbasierte Sinnproduktion erreichen, die ich Sapiokratie nenne, übernimmt das symbolische Medium der Macht mit seiner latenten Gewaltbereitschaft, die gestaltende Rolle. Und somit die Gestaltungsobrigkeit mit der immer abrufbaren Befugnis, Menschen zu überwältigen und verkürzte Fakten zu schaffen. Als funktionaler Platzhalter agiert nach wie vor die unmittelbar wahrnehmbare Gewalt oder als Angst präventiv medialisierte Gewalt insbesondere in Form von Ohnmacht stellvertretend in der Rolle der fehlenden Intelligenz der effektiv Erkennenden. Um dem entgegenzuwirken, bedarf es eines lebendigen und wahrhaft globalen intellektuellen Diskurses in der globalen Gesellschaft.

 

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