Thinktanks für Robotik: Zwischen Haushaltshilfe und Terminator

Aufmacherbild: (C) geralt via Pixabay, Public Domain

Sie werden wohl schon in naher Zukunft unser Leben grundlegend verändern, so die einhellige Meinung zahlreicher Thinktanks aus Forschung und Wirtschaft – die Themen Robotik und Künstliche Intelligenz. Wie man sie gewinnbringend für die Gesellschaft einsetzen könnte und vor allem wo die Grenzen sein sollten, darüber diskutieren Experten in vielen Ideenfabriken rund um den Globus. Wohl kaum ein anderes Thema hat ein so großes Potenzial für bahnbrechende Veränderungen.

„Ich sehe überhaupt kein Anzeichen dafür, dass Maschinen so etwas wie eine Super-Intelligenz oder eigene Motivationen entwickeln. Aber wir müssen uns vor Menschen fürchten, die über machtvolle Maschinen verfügen.“

Noel Sharkey, Professor für KI an der Uni Sheffield. (C) Von Andy Miah from Liverpool, UK – Noel Sharkey, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18987135

Den britischen Informatiker Noel Sharkey, Professor für künstliche Intelligenz und Robotik an der Universität Sheffield, sieht man seit Jahren weltweit als Gast oder Keynote-Speaker auf Kongressen, die sich speziell dem Thema Robotik widmen, weil durch sie eine tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft ausgelöst werden könnte.

Wohl allen Entwicklern ist gemein, dass sie eine gute Veränderung im Sinn haben: Die Automatisierung soll dem Menschen zum Beispiel lästige Arbeiten abnehmen – der Klassiker ist der Roboter als Haushaltshilfe. Doch genauso thematisiert werden Kampfroboter, die eigenständig über Leben und Tod entscheiden. Oder auch autonome Fahrzeuge, die bei einer drohenden Kollision die richtige Entscheidung zum Wohle menschlicher Verkehrsteilnehmer treffen müssen.

Braucht es eine eigene Ethik für Robotik?

In einem Mitte 2016 aufgezeichneten, gut einstündigen Video diskutierten die Kollegen von „heise online“ unter anderem über diese Fragen: Braucht es eine eigene Roboterethik? Sind wir bereit für mehr mechanische Helfer?

Bitte akzeptieren Sie YouTube-Cookies, wenn Sie dieses Video abspielen wollen und unsere Videos hier auf der Seite sehen. 
Wenn Sie akzeptieren, werden Sie auf Inhalte von YouTube zugreifen, die von uns inhaltlich stammen, aber von einem externen Dritten technisch angeboten werden.

Hier findet sich die YouTube privacy policy

Wenn Sie diesen Hinweis akzeptieren, wird Ihre Auswahl gespeichert und die Seite wird aktualisiert.

Thinktanks weltweit beschäftigen sich mit solchen weitreichenden Fragen. Einer von ihnen heißt „AI-Experts“, ein Zusammenschluss von Fachleuten der Unternehmen brightONE Consulting, CSC, ITyX und T-Systems Multimedia Solutions. „AI“ steht für „Artificial Intelligence“, also künstliche Intelligenz.  Die soll nach Angaben des Thinktanks von 84 Prozent der Verbraucher in Deutschland gewollt sein. So hoch war zumindest der Anteil der Befragten, die sich wünschten, dass intelligente Roboter, smarte Häuser oder autonome Autos den Menschen künftig assistieren.

Thinktanks weltweit widmen sich der Robotik und Künstlichen Intelligenz

Die Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz zu thematisieren und transparent zu machen, dieses Ziel haben sich die AI-Experts gesetzt. „Die komplexen Bedingungen der digitalen Transformation fordern neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Forschung, Unternehmen, Softwareanbietern und Beratern“, meint Stefan Grünzner, Geschäftsführer von brightONE Consulting. Der neue Thinktank wolle mit seinem Netzwerk eine wichtige Anlaufstelle für interessierte Unternehmen sein, auch zu Fragen nach Verbraucherakzeptanz und Ethik.

Screenshot www.stiftung-nv.de

Recht frisch dabei ist auch die Stiftung Neue Verantwortung (SNV), die Ideen in der Netz- und Digitalpolitik entwickelt. Mehr als ein Dutzend Experten widmen sich etwa digitalen Infrastrukturen und dem Wandel der Arbeit, erarbeiten praktikable Umsetzungsvorschläge für die Politik und organisieren Konferenzen zur öffentlichen Diskussion. Hinter der SNV stehen Förderer und Spender wie Robert Bosch, Mercator, Open Society Foundation, KPMG, Twitter, Auswärtiges Amt oder auch die Universität Siegen.

Ideenfabriken für KI in der Mobilität, Arbeitswelt und für Behinderte

Der „Digital Hills Think Tank“ ist eine Einrichtung der Münchener Digitalberatung Eck Consulting und widmete sich Ende 2016 der Künstlichen Intelligenz und der Automatisierung der Arbeit. Im Mittelpunkt standen spannende Fragen: Werden wir Unternehmen bald mit Hilfe virtueller Assistenten steuern, deren Logik uns vor schlechten menschlichen Entscheidungen bewahrt? Können wir den Kostenfaktor Mensch aus unseren Kalkulationen ausklammern, weil Roboter die gleiche Arbeit nicht nur günstiger, sondern obendrein besser und zuverlässiger erledigen?

Screenshot www.mercedes-benz.com

Speziell zum Thema Künstliche Intelligenz beim autonomen Fahren hatte der Mercedes-eigene Thinktank „Future Talk“ im vergangenen Jahr nach Berlin geladen. Ziel war es, im interdisziplinären Austausch eine „funktionierende soziale Mensch-Maschine-Kooperation“ zu etablieren – bei gleichzeitiger „menschlicher Führung für die Entscheidungsfindung“. Das Auto solle dabei mehr und mehr zu einer Art Erlebnisraum werden, integriert in das Smart Home und unterstützt von Haushaltsrobotern und beispielsweise Lieferdrohnen.

Studie „Robotik und Behinderungen“ des Gottlieb Duttweiler Instituts. (C) www.gdi.ch

In der Schweiz ist das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) bei Zürich die älteste Denkfabrik des Landes. Die Forscher untersuchen „Megatrends und Gegentrends“, entwickeln Zukunftsszenarien für Wirtschaft und Gesellschaft und organisieren Konferenzen als übergeordnete Thinktanks. Speziell zum Thema „Robotik und Behinderungen“ hat das Institut eine Studie veröffentlicht, die hilfreiche Technologien in der Zukunft vorhersagt und über gesellschaftliche, technische und ethische Probleme durch die vermehrte Nutzung von Robotik aufklärt. „Haushalts-Roboter, Prothesen aus dem 3-D-Drucker oder in den Körper integrierte Nanobots werden das Leben mit Behinderung tiefgreifend verändern“, prognostizieren die Autoren der Studie.

Auch im Bereich Additive Manufacturing, wo es um die schnelle automatisierte Fertigung von Modellen, Werkzeugen und Endprodukten geht, ist das Thema Robotik brandaktuell. Die TU Darmstadt hat dazu einen eigenen Thinktank gestartet.

Die EU fordert ein Roboter-Register

In Form einer Wissensdatenbank, die ständig aktualisiert wird, gibt es auch einen eigenen Thinktank für die Abgeordneten des EU-Parlaments. Gerade erst hat der Rechtsausschuss einen Bericht mit Empfehlungen an die Kommission zu den zivilrechtlichen und ethischen Aspekten im Bereich Robotik eingereicht. Die Dokumente sind zwar „ausschließlich für die parlamentarische Arbeit der Mitglieder und Mitarbeiter des Europäischen Parlaments bestimmt“, können aber extern abgerufen und eingesehen werden.

Spannend: In dem Bericht wird nicht nur die Einführung eines Registers für Roboter gefordert, sondern auch die Einrichtung einer EU-Agentur für Robotik. Außerdem sollen Grundsätze der zivilrechtlichen Haftung für von Robotern verursachte Schäden festgelegt werden.

Singularity-Gipfel in Berlin am 3. Mai 2017

Ein US-Thinktank zum Thema Robotik und KI ist letztes Jahr zum ersten Mal auf Tournee gegangen: Die Singularity University im Silicon Valley, die vor gut neun Jahren von Google, Autodesk, Genentech und anderen auf dem NASA-Forschungsgelände gegründet wurde, war 2016 zum ersten Mal in Berlin – der „SingularityU Germany Summit“ erhält am 3. Mai 2017 eine Neuauflage. Zu den bekanntesten Vordenkern gehört KI-Experte Neil Jacobstein, der schon in 13 Jahren mit dem Erreichen der Superintelligenz und in etwa 15 Jahren mit der Verbindung des menschlichen Gehirns mit der Cloud rechnet. Schöne oder gruselige neue Welt?

„Der Mensch ist anpassungsfähig. Wir werden neue Jobs erfinden.“ (Neil Jacobstein)

Die Frage ist nur, ob Thinktanks an der Entwicklung (noch) aktiv teilnehmen oder ihr nicht bereits hinterherlaufen, da diese buchstäblich ungebremst rasend schnell vorangeht. Ob das ethisch-moralische Dilemma „guter oder böser Roboter“ jemals gelöst werden kann, hängt von einer wichtigen Entscheidung ab: Wie weit dürfen Maschinen im Zweifelsfall gehen? Dies festzulegen ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Zum Schluss: ein Ethik-Experiment

Das verdeutlicht schon ein einfaches Experiment von Alan Winfield: Der Professor an der Universität Bristol hat zwei Arten kleiner Roboter programmiert, die gemeinsam auf einer Oberfläche voller Löcher unterwegs sind – die einen Roboter stellen Menschen dar und sollen von den anderen vor dem Hineinfallen in die Löcher bewahrt werden. Und tatsächlich: Nähert sich ein „Mensch-Roboter“ einem Loch, schiebt sich ein Rettungsroboter blitzschnell dazwischen. Doch kaum müssen zwei Mensch-Roboter gerettet werden, verfallen manche Rettungsroboter in Panik, um beide zu retten, oder in Starre, so dass beide in Löcher fallen. Am schwierigsten wird es, wenn man zwischen einem „wichtigeren“ und einem „weniger wichtigen“ Mensch-Roboter entscheiden muss – eine Aufgabe, an der im Grunde auch jeder echte Mensch scheitern muss.

Vielleicht drängt die Zeit im Hinblick auf weitreichende Antworten auch aus einem anderen Grund: Vor über 70 Jahren überlegte sich der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov, wie man Maschinen Ethik beibringen kann, und formulierte in der Kurzgeschichte „Runaround“ seine berühmten drei Robotergesetze. Doch wirkte die Idee eines verrückt gewordenen Roboters damals noch sehr weit entfernt, so hat die Realität zumindest den in der Fiktion gewählten Zeitpunkt schon überholt: „Runaround“ spielte im Jahre 2015. Auch zwei Jahre später darf die außer Kontrolle geratene Hauptfigur gerne weiterhin Utopie bleiben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.