Unterseekabel stellen Datenaustausch zwischen den Kontinenten sicher. Doch sie sind nicht selbstverständlich – und Europa droht, in Abhängigkeit zu geraten.

Seekabel – Machtkampf in der Tiefsee

Glasfaserkabel in den Ozeanen der Welt sorgen dafür, dass wir Daten von Servern rund um den Globus in Millisekunden abrufen, Videotelefonate mit unseren Lieben auf anderen Kontinenten führen und sogar Operationen aus der Ferne durchführen können. Die Verfügbarkeit dieser Seekabel scheint selbstverständlich. Ist sie aber nicht. Europa droht in eine Abhängigkeit zu geraten.

Aufmacherbild: TEsubcom

Im November 2020 war es soweit: Der deutsche Internet-Knotenpunkt De-CIX meldete einen neuen Rekord bei der Datenübertragung. Erstmals wurden mehr als zehn Terabit pro Sekunde durch den Knoten geschleust. Wie De-CIX vorrechnet, entspricht dies 2,2 Millionen Videos in HD-Qualität oder 2,2 Milliarden Schreibmaschinen-Seiten. Zu verdanken ist der Rekord vor allem den Wahlen in den USA. Sie lösten ein riesiges Interesse bei den Internet-Nutzern in Deutschland und Europa aus, Videostreams aus den Staaten ließen die Leitungen glühen.

Pro Seekabel bis zu 400 Millionen Euro

Möglich machen diesen enormen Datenfluss Gartenschlauch-dicke Glasfaserkabel, die quer durch den Atlantik gelegt wurden. Und nicht nur durch den Atlantik: Mehr als 500 solcher Systeme gibt es weltweit. 95 Prozent des internationalen Datenverkehrs laufen durch die Meere. Die Gesamtlänge aller Seekabel reicht mehr als 30mal um den Äquator. Sie verbinden nicht nur Europa mit den USA, sondern etwa auch Afrika mit Asien oder Japan mit der amerikanischen Westküste.  Die Verlegung übernehmen eine Handvoll Spezialschiffe, ausgerüstet mit modernster Sensortechnik. Sie können etwaige Hindernisse in der Tiefsee genau orten und wissen fast auf den Meter genau, wieviel Kabel benötigt wird.

Doch die Verlegung von Seekabeln ist teuer: Zwischen 300 und 400 Millionen Euro kostet eine solche Verbindung. Weswegen sich immer mehr Telekommunikations-Unternehmen aus diesem Geschäft zurückziehen. An ihre Stelle rücken Internet-Firmen wie Amazon. Microsoft oder auch Google. Deren Kassen sind prall gefüllt, und sie können sich die hohen Investitionskosten locker leisten. Ihre Motivation ist dabei allerdings etwas anders als bei den Telekommunikations-Firmen: Sie verdienen nicht daran, dass sie Übertragungskapazitäten verkaufen, sondern an den übertragenen Diensten. Und die wollen sie zukünftig in allen Ecken der Welt anbieten können – nicht zuletzt in Afrika.

Unterseekabel erschließen neue Märkte

Während hierzulande wie in den USA das schnelle Internet eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint, müssen auf dem afrikanischen Kontinent noch rund zwei Drittel der Bevölkerung ganz ohne das Netz der Netze auskommen. Weltweit ist es immerhin noch knapp die Hälfte. „2Africa“ soll helfen, das zu ändern. Das neue Unterseekabel wird den Plänen zufolge 23 Länder in Afrika, dem Nahen Osten und Europa verbinden und sich rund um den gesamten afrikanischen Kontinent schlängeln.  An dem Projekt sind unter anderem Facebook, der afrikanische Telekommunikationsanbieter Mobile Telephone Networks (MTN), Orange aus Frankreich, der britische Vodafone-Konzern und China Mobile beteiligt.

Das Facebook-Projekt „2 Africa" führt ein Unterseekabel um den gesamten afrikanischen Kontinent.
Das Facebook-Projekt „2 Africa“ führt ein Unterseekabel um den gesamten afrikanischen Kontinent. Bild: Facebook

Facebook spricht in seinem Firmenblog davon, dass das neue Kabel positive Auswirkungen auf die Bildung und Gesundheitsversorgung habe. Aber natürlich trägt es auch dazu dabei, dass der Internetriese in Afrika neue Nutzer gewinnen kann. Daniel Voelsen von der Stiftung Wissenschaft in Berlin warnt vor einer drohenden Abhängigkeit. „Es gibt Länder auf dem afrikanischen Kontinent, die nur sehr unzureichende und dementsprechend sehr teure Anbindung an das globale Netz haben. Insofern wird es von diesen Ländern auch begrüßt, dass jetzt Unternehmen wie Google, Facebook oder Microsoft kommen und sagen, wir wollen da massiv investieren. Zu befürchten ist allerdings, dass diese großen Konzerne damit auch den gesamten Markt dominieren“, sagte er in einem Beitrag für den Radiosender SWR2.

Auch China mischt bei den Unterseekabeln mit

Unabhängig davon haben die Internetkonzerne ein großes Interesse daran, nicht nur die Reichweite, sondern auch die eigene Infrastruktur zu verbessern. So hat Google etwa gerade das Projekt Dunant abgeschlossen – ein Unterseekabel, das Virginia Beach an der US-Ostküste mit Saint-Hilaire-de-Riez an der französischen Atlantikküste verbindet. Das Unterseekabel ist Teil eines größeren Projektes, das helfen soll, die Cloud-Rechenzentren des Internet-Giganten zu vernetzen. Auch „Grace Hopper“ gehört dazu. Das Kabel, das nach einer US-amerikanischen Internetpionierin benannt ist, wird New York mit Bilbao in Spanier und das Seebad Bude in Großbritannien verbinden.

Das Google-Seekabel-Projekt Dunant verbindet die US-Ostküste mit Frankreich.
Das Google-Projekt Dunant verbindet die US-Ostküste mit Frankreich. Bild: Dunant Submarine Cable System

Längst ist aus dem eher unscheinbaren Seekabel auch ein Politikum geworden. Denn nicht nur Google & Co streben mit aller Macht in den Markt, auch China drängt nach vorne. Dabei ist das Land selbst vom globalen Internet eher abgeschirmt. Die „große Firewall“ trennt es vom Internet, wie wir es kennen. Für das nationale Internet im Land der Mitte haben Seekabel daher kaum eine Bedeutung. In Europa und vor allem den USA geht deshalb die Angst um, dass hier andere Motive im Spiel sind – konkret: Cyberspionage.

Ungeachtet dessen treibt China den Ausbau voran. Vor der französischen Mittelmeerküste wird von den Chinesen gerade das Projekt „Peace“ realisiert. Das rund 12.000 km lange Kabel soll Europa über das Horn von Afrika und Pakistan mit China verbinden. Es ist, wie Peace-COO Sun Xiaohua sagt, Teil der Seidenstraßeninitiative. Das Projekt soll vor allem chinesische Investoren in Afrika unterstützen. Für China ist das Kabel aber auch eine Option für die Verbindung zum europäischen Netzwerk. „Marseille verfügt über Carrier-neutrale Rechenzentren, in denen es einfach ist, Verbindungen herzustellen und den Backhaul zu den wichtigen Hubs in Europa zu bringen“, erläutert Sun.

Handelskrieg auch unter Wasser

Der amerikanischen Regierung sind solche Projekte ein Dorn im Auge. Noch 2020 hat der damalige US-Außenminister Mike Pompeo die Aktion „Clean Cable“ ausgerufen, die sicher stellen soll, dass die Unterseekabel, die die USA mit dem weltweiten Internet verbinden, nicht von China zum Sammeln von Daten missbraucht werden können. Anders als im Fall Huawei können die Amerikaner hier aber nicht einfach die Technik blockieren: Das chinesische Unternehmen Hengton, an dem pikanterweise auch Huawei beteiligt ist, gehört zu den größten Glasfaserherstellern der Welt und hat die gesamte Technik im Haus.

Aber zumindest bei Beteiligung US-amerikanischer Firmen kann die US-Regierung eingreifen, etwa bei der Blockade des Projektes „Pacific Light Cable Network“. Das Kabel, an dem Google, Facebook und das chinesische Unternehmen Dr. Peng Telecom and Media Group beteiligt sind, sollte ursprünglich Hongkong mit Los Angeles verbinden. Aufgrund der Bestrebungen Chinas, seinen Einfluss auch in der ehemaligen britischen Kronkolonie durchzusetzen, wird es nun nur zwischen den USA und den Philippinen und Taiwan in Betrieb gehen. Die bereits fertiggestellte Verbindung nach Hongkong soll dunkel bleiben.

Europa: Strategiewechsel notwendig

Während also die USA und China die Bedeutung der eher schmucklosen Technologie längst erkannt haben, ist man in Europa noch nicht so weit. Zwar betont mittlerweile auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie wichtig die digitale Souveränität Europas sei. Und auch innerhalb der EU gibt es das Bekenntnis, Unterseekabel verstärkt ausbauen zu wollen. Aber viel mehr als Lippenbekenntnisse sind das bisher nicht.

Die mangelnde Kompetenz der Europäer spiegelt sich auch im schwindenden Knowhow der europäischen Unternehmen wider. Zu den wenigen, die noch Unterseekabel verlegen, gehört Nokia. Doch so richtig Spaß scheinen auch die Finnen an dieser Sparte nicht mehr zu haben. Sie wollen das Geschäft abstoßen.

Vielleicht sollte Resteuropa einen Blick nach Frankreich werfen, wo Orange sich trotz eher trüber wirtschaftlicher Aussichten weiter am Ausbau der Seekabel beteiligt. Warum? Jean-Luc Vuillemin, Executive Vice President International Networks bei Orange, begründet das so: „Es geht hier um unsere nationale Souveränität. Für uns als Unternehmen, aber auch für Frankreich als Staat. Wir wollen selbst der Eigentümer unserer Infrastruktur sein.“  Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

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