Die neue Ökonomie des Teilens: Carsharing

Aufmacherbild: (C) DriveNow

Gut eine Million Menschen in Deutschland nutzen Fahrzeuge gemeinsam, und jährlich kommen laut Studien bis zu 30 Prozent neue Nutzer hinzu. Keine Frage: Carsharing liegt im Trend – und es könnte unsere Gewohnheiten bei der Fortbewegung nachhaltig verändern. An dem Boom haben auch die immer ausgefeilteren Konzepte ihren Anteil. Dabei gibt es Carsharing schon erstaunlich lange.

Wer selten oder unregelmäßig Auto fährt, gehört wohl zu denen, die die Entwicklung auf dem Carsharing-Markt seit Jahren beobachten – fast monatlich wissen alte und neue Anbieter mit originellen Konzepten und überarbeiteten Preissystemen zu überraschen. Und immer mehr drängen auch die Autohersteller auf den Markt: Wer Carsharing anbietet, sichert sich potenzielle Markennutzer, die die eigene Modellpalette eher nicht als Käufer entdeckt hätten.

Trendforscher sehen gravierende Änderungen voraus

So manches wird sich in der Gesellschaft ändern, so viel steht fest. Trendforscher gehen davon aus, dass das Auto längst nicht mehr als Statussymbol angesehen wird, vor allem unter jungen urbanen Menschen. Im Gegenzug stehen moderne Kommunikationsmittel immer öfter in der Gunst – und damit die Möglichkeit zur Steuerung von Mobilität.

Außerdem würden in Zukunft Autos eher weniger gekauft und zunehmend bei Bedarf geliehen – parallel zur Verschiebung auf dem Arbeitsmarkt hin zum Home-Office. „Wir glauben prognostizieren zu können“, wird Sven Gábor Jánszky, Forscher an der Universität Karlsruhe, in einem Interview mit dem „Handelsblatt“ zitiert, „dass viele Menschen eben nicht mehr in die Innenstädte fahren werden, sondern in den Randgebieten und Speckgürteln bleiben und sich dort stunden- oder tageweise Büros mieten, um dort zu arbeiten. Das entzerrt natürlich den Stadtverkehr enorm.“

Seiner Meinung nach gingen die Mobilitätssysteme in Richtung vernetzter, abgestimmter und gesteuerter Verkehrsströme. Im Jahr 2050, so glaubt Jánszky, könne man selbstfahrende kleine Autos per Handy zu sich beordern, ihnen per Spracherkennung die Adresse diktieren und würde dann dorthin chauffiert werden – ein Szenario, das an einen Science-Fiction-Roman von Philip K. Dick erinnert.

 

 

Der Karlsruher Forscher geht davon aus, dass immer mehr Menschen zu festangestellten „Projektarbeitern“ werden, die nach Beendigung eines Projektes den Arbeitgeber wechseln und den Besitz eines fahrbaren Untersatzes als nicht mehr wichtig ansehen – und dass sie es sein werden, die die Chancen intelligenter Vernetzung vorantreiben. Würden Autos zentral organisiert zur Verfügung stehen, bräuchte der Arbeitnehmer der Zukunft seine Mobilität nicht oder nur wenig einzuschränken.

Autofahrten werden sich weltweit bis 2050 verdreifachen

Dies untermauert auch eine Studie der Unternehmensberatung Arthur D. Little (ADL) über den Verkehr in 84 Metropolen rund um den Globus. Danach finden jeden Tag mehr als sechs Milliarden motorisierte Fahrten in Städten mit Privatfahrzeugen statt – das sind zwei Drittel der Fahrten insgesamt. Doch dieser Anteil werde sich bis 2050 verdreifachen, prognostiziert die Studie, was mindestens eine Verdoppelung der Stauzeiten zur Folge haben werde.

Um dem Kollaps zu entgehen, braucht es also intelligente Lösungen zum „Sharing des Vorhandenen“. Allein in Deutschland gibt es gut 150 verschiedene Carsharing-Anbieter (die wichtigsten mit Preisen: hier im Überblick), die Zahl der Nutzer hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verzehnfacht.

Stationsgebundene vs. stationsunabhängige Systeme

Bei stationsgebundenen Systemen muss das Fahrzeug an einem festen Standplatz abgeholt und wieder dorthin zurückgebracht werden, wogegen stationsunabhängige Systeme mit frei abstell- und auffindbaren Fahrzeugen arbeiten. Eine gewisse Mischung aus beiden Arten bieten Gastgeber-Systeme, bei denen um private Parkplätze herum eine Carsharing-Community aufgebaut werden soll.

 

(C) carzapp
Smartphone-Lösung von carzapp für den Zugang zum Auto.

Meist erfolgt der Zugang zum Auto über Chipkarte, doch immer mehr wird auch das Smartphone zum virtuellen Schlüssel. Gebucht werden kann oft auch via SMS und immer öfter über komfortabel zu bedienende Apps. Die Technik kann, etwa beim Anbieter carzapp, modellunabhängig in alle Fahrzeuge mit Zentralverriegelung installiert werden, so dass es ohne Schlüsselübergabe flexibel und spontan gemietet werden kann. Über die App kann nur die Person das gewünschte Auto öffnen, deren Reservierung zuvor vom Autobesitzer bestätigt wurde. Der Clou: Beim Mietende rechnet das System die Nutzung nach gefahrenen Kilometern ab – und es prüft, ob das Fahrzeug sich im Geschäftsgebiet befindet, ob alle Türen und Fenster geschlossen sind und sich Tankkarte und Schlüssel tatsächlich im Fahrzeug befinden.

Auf diese Weise können aber nicht nur Privatpersonen profitieren, sondern auch Städte und Gemeinden, um Lücken im öffentlichen Nahverkehr zu schließen, oder auch Unternehmen, die ihre Fahrzeugflotte auslasten wollen, indem Mitarbeiter oder Kunden sie nutzen – inklusive automatischem Fahrtenbuch und Nutzungsanalyse. Selbst Ausstellungsfahrzeuge von Autohäusern könnten effizienter genutzt werden, indem sie Endkunden stunden- oder tageweise zur Verfügung gestellt werden.

Trend zu kompakten Carsharing-Communitys

Erkennbar ist übrigens ein weiterer Trend, der mit den stetig besseren technischen Möglichkeiten einhergeht: Immer mehr „kompakte“ Carsharing-Systeme, zum Beispiel für die Mitglieder von Verbänden oder auch speziell für kleinere Städte auf dem Land, füllen die Lücken in der Mobilität, wie sie scheinbar nur in Großstädten Realität wird. Bei manchen Projekten sind nur wenige Leihwagen im Betrieb, und doch arbeiten viele Anbieter nicht nur rentabel, sondern mit Profit.

Stationsunabhängige Systeme wie in großen Städten – die Autos stehen einfach irgendwo und lassen sich per Smartphone orten – funktionieren auf dem Land schon wegen der großen Entfernungen nicht optimal. Kommt jedoch irgendwann das selbstfahrende Auto, dessen Entwicklung gerade massiv vorangetrieben wird, quasi „von allein“ zum Kunden, gilt der ländliche Bereich für Carsharing-Anbieter bereits als erobert. Ein Tipp für Interessierte: Verkehrswende in Kleinen Städten e.V. hilft bei der Organisation kleiner Carsharing-Systeme.

Studie zum weltweiten Carsharing: 10 Milliarden Euro Umsatz schon 2016

Um zu unserer Verwunderung in der Einleitung zurückzukommen: Carsharing gibt es schon erstaunlich lange. Hätten Sie gedacht, dass es mit dem „nachbarschaftlichen Autoteilen“ schon 1948 mit einer Organisation in Zürich begann? In den 1960er und 1970er Jahren gab es erste Studien und Projekte, der Begriff „Carsharing“ selbst kam in den 70ern auf, aber erst in den 80ern ging es weltweit mit signifikanten Konzepten los – um dann in den 90ern richtig durchzustarten.

 

„Charging stations in SF City Hall 02 2009 02“ von Felix Kramer (CalCars). Image retouched with Photoshop and uploaded by User:Mariordo - Flickr: http://www.flickr.com/photos/56727147@N00/3292024112/in/set-72157614049251389/. Lizenziert unter CC BY-SA 2.0 über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Charging_stations_in_SF_City_Hall_02_2009_02.jpg#mediaviewer/File:Charging_stations_in_SF_City_Hall_02_2009_02.jpg
Ladestationen von Zipcar in den USA, dem größten Carsharing-Anbieter der Welt.

 

Als größter Carsharing-Anbieter der Welt gilt Zipcar aus Massachusetts mit 700.000 Mitgliedern und einer Flotte von gut 10.000 Fahrzeugen. Die Unternehmensberatung Roland Berger erwartet schon im kommenden Jahr für den weltweiten Markt ein Umsatzwachstum auf 10 Milliarden Euro.

Praktisch und günstig für die Nutzer, innovativ und profitabel für die Anbieter, ganz nebenbei sogar hilfreich für die Umwelt – eine schöne Dreier-Kombination für die neue Ökonomie des Teilens.

René Wagner

 

SEITENBLICK

Ebenfalls hier auf Intelligente-Welt.de berichtet mein Kollege Hannes Rügheimer von den neuesten technologischen Entwicklungen, die auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas präsentiert wurden, darunter autonome Parkassistenten von Autoherstellern. Das Fahrzeug sucht damit selbstständig in Parkhäusern nach einem Parkplatz, parkt sich ein und kehrt auch wieder zum Fahrer zurück, der es zum Beispiel über eine smarte Armbanduhr herbeirufen kann. Mehr dazu lesen Sie in diesem Beitrag.

Einen fiktiven Vorläufer kennen Filmfreunde bereits aus dem Jahr 1997. Da war die „Armbanduhr“ des Protagonisten noch etwas klobig – und der Assistent alles andere als intelligent.

 

 

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