(C) Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik - Projekt SmartSC

Logistik der Zukunft: Wird das Internet bald physisch?

Aufmacherbild: (C) Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik – Projekt SmartSC

Weit über vier Milliarden Tonnen an Gütern werden laut Bundesamt für Statistik jedes Jahr in Deutschland transportiert – eine Zahl, die im Grunde unvorstellbar ist. Grob geschätzt, könnte vielleicht dieser Vergleich helfen: Würde man das Gewicht aller Autos und Lastwagen der Welt zusammenrechnen, wird einem zumindest ansatzweise bewusst, was unser Land buchstäblich zu (er)tragen hat. Umso wichtiger, den Verkehr von Waren, Gütern und auch Dienstleistungen effizienter zu gestalten – zum Wohle von Mensch, Umwelt und Wirtschaft. Forschungsprojekte setzen dabei auf intelligente Lösungen und auf einen mittlerweile alten Bekannten.

Gemeint ist nichts anderes als: das Internet. Weltweit arbeiten Forscher daran, seine Strukturen und Gesetzmäßigkeiten auf die „echte“ Welt zu übertragen. Das Potenzial dazu ist groß.

So will zum Beispiel das von der EU geförderte Projekt „Modulushca“ Lösungen entwickeln, die die Transporteffizienz steigern, indem Lieferungen synchronisiert werden – mit Hilfe eines gemeinsamen Transportnetzes, einer gemeinsamen Nutzung von Ladekapazitäten und mit einem modularen Behältersystem, das die Prozesse salopp gesagt „planbarer“ macht. Und so zeigt sich der Projektleiter geradezu visionär, wenn er sagt: „Bis 2030 wollen wir das Ziel des globalen physischen Internets erreichen“, so Christian Landschützer vom Institut für Technische Logistik der TU Graz bei der Vorstellung von „Modulushca“.

Denn eines macht der Logistikbranche seit jeher zu schaffen: Leerfahrten oder auch Halbleerfahrten bei Gütertransporten belasten nicht nur die Umwelt, sondern kosten auch viel Geld. Wenig hilfreich, meint Landschützer, sei dabei die Individualität der Branche: „Bisher sind große Warenhändler nach wie vor Einzelkämpfer am Güter-Highway – mit Verteilerzentren für den eigenen Zweck, eigener Transportflotte und eigenem System der Warenlieferung.“ Der Tenor: Würde alles besser miteinander vernetzt, wäre schon viel gewonnen.

Intelligente Systeme für „praktische Rechenkunst“

Überhaupt ist das so genannte Behälter-Management keineswegs so langweilig, wie der Begriff auf den ersten Blick klingt – so wie auch „Logistik“ im Altgriechischen eigentlich nur „praktische Rechenkunst“ bedeutet. Wer für eine perfekt abgestimmte Koordination sorgt, wenn es um die Befüllung, Standorte und Wege von Transportbehältern geht, der erhält auf einen Schlag mehrere Vorteile – von der Nachhaltigkeit bis zur Wirtschaftlichkeit. Spezialisierte IT-Systeme gleichen alle Kriterien laufend ab und wissen genau, wo die Behälter gerade sind und ob sie zum Beispiel wieder befüllt werden können. Damit wird auch das Problem „verschwundener Güter“ minimiert.

Gemeinsam statt einsam: Mehr Vernetzung für mehr Effizienz

Ähnlich sieht es das Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) in Bremen, wo man den Straßengütertransport per Container im Auge hat und dafür intensiv am Projekt „SmartSC“ arbeitet – gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (Übersicht über Förderprojekte). Die zentrale Frage: Wie lässt sich der Ablauf zwischen Speditionen, Terminals, Fuhrunternehmen, aber auch Verwaltungseinrichtungen wie Zoll und Hafenamt effizienter gestalten?

(C) Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik

Bisher gibt es in der Container-Logistik praktisch nur bilaterale Abstimmungsprozesse. Beispielsweise sind große Speditionen und Reedereien IT-technisch gut aufeinander abgestimmt. „Aber es sind nicht alle Akteure darin enthalten“, stellt Projektleiter Thomas Landwehr fest. „Und das führt dazu, dass, wenn es relativ weit vorne im Prozess zu einer Verzögerung kommt, ein Auftrag möglicherweise nicht erfüllt werden kann und nachgelagerte Akteure in der Kette betroffen sind.“

SmartSC soll deshalb dabei helfen, Daten und Dokumente effizient und mit minimierter Fehlerquote zwischen Unternehmen auszutauschen – ein Softwaremodul überwacht die gesamte Lieferkette. Die Lösung des ISL soll Lieferprozesse zuverlässiger machen, intelligenter den Verkehr steuern, Leerfahrten verringern, Terminalkapazitäten und Transporte besser auslasten und so natürlich auch dabei helfen, den Schadstoffausstoß zu reduzieren.

Dienstleistungen werden schneller abgewickelt

Fast alle diese positiven Auswirkungen lassen sich auf die Logistik bei Warenbestellungen übertragen, wenn auch diese besser aufeinander abgestimmt sind. Wer zum Beispiel in einem Online-Shop einkauft, braucht sich über den automatisierten Ablauf keine Gedanken zu machen – er läuft über ausgefeilte Standardschnittstellen. Selbst im physischen Bereich klappt es (meist) gut: Wenn im Supermarkt das Angebot zur Neige geht, wird automatisch – nach vielen „Pieps“ an der Kasse – eine Nachbestellung ausgelöst.

Denken Sie nun aber mal an Dienstleistungen wie die Wartung von Kopiergeräten oder Kaffeeautomaten in Unternehmen (um nur zwei Beispiele zu nennen). Genau, auch heute noch läuft im Dienstleistungsbereich die Beauftragung telefonisch ab – zwar menschlich und persönlich, aber leider wenig effizient. Oft kommt sogar ein ganzes Netzwerk an technischen Dienstleistern zum Einsatz, die aber vielfach bei der digitalen Geschäftsabwicklung außen vor bleiben. Komplexer ausgedrückt: Überall dort, wo der Zusammenhang zwischen Serviceverträgen, physischen Produkten und vor Ort auszuführenden Dienstleistungen gebraucht wird, ist eine effiziente Abwicklung schwieriger abzubilden.

(C) EL2 Beratungsgesellschaft / Projekt FLEXS

Genau hier setzt die Münchner EL2 Beratungsgesellschaft mit ihrem Forschungsprojekt „FLEXS“ an. Über die Plattform lassen sich Serviceaufträge austauschen und eine Vielzahl von Servicepartnern einbeziehen. Die Plattform erhöht die Transparenz enorm, etwa bei der Aktualität des Materialverbrauchs und -bestands. Der Effekt sei spürbar, verspricht der Projektleiter Michael Lindl: „Wir haben durch Analysen in Beratungsprojekten festgestellt, dass sich bis zu 20 % der Fahrzeit, ohne weitere Beschleunigung, ohne zunehmenden Stress für den Mitarbeiter, einsparen lässt.“

Mit FLEXS lassen sich auch neue Geschäftsmodelle abwickeln: So könnte zum Beispiel eine Firma, die Kabelnetze baut und wartet, sich zusätzlich um Telefonanlagen und Heizungssteuerung kümmern – durch effizienteren Personaleinsatz. Lindl schwärmt: „Die Teams arbeiten im Grunde nebeneinander her, parallel zueinander. Und wir möchten erreichen, dass diese Firma alle ihre Mitarbeiter mit ganz unterschiedlichen Auftraggebern einheitlich disponieren und steuern kann.“

Mehr Effizienz durch Mitarbeiter, die sich wohlfühlen

Solange der Stress für die Mitarbeiter nicht steigt, ist also alles im grünen Bereich. Und so gesellt sich eine weitere aufmunternde Nachricht hinzu: Selbst über das Wohlbefinden derjenigen, die in der Logistikkette durch ihre Arbeit mit Waren und Gütern beteiligt sind, denken Forscher intensiv nach. Gerade beim Warenausgang kommt der „Faktor Mensch“ ins Spiel, weil sich hier aufgrund der Endkontrolle die Automatisierungsmöglichkeiten in Grenzen halten.

Umso wichtiger sollte es für Unternehmer sein, den Ablauf gemeinsam mit den ausführenden Mitarbeitern zu optimieren, und sei es nur durch die elektronische Bearbeitung von Rechnungen. Werden Prozesse und Arbeitsbedingungen ergonomisch gestaltet, steigen Motivation und Sicherheit, sinken Krankenstand und Fehlerquote – und die Effizienz nimmt zu.

 

Zwei spannende Dokumentationen

… möchte ich Ihnen abschließend ans Herz legen – eine von Phoenix, die andere vom WDR.

 

 

René Wagner

 

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