Digitalisierung und Gesellschaft: Sozialer und sicherer durch digitale Kontrolle?

Sind Sie ein guter oder ein schlechter Bürger? Nicht nur darüber können digitale Techniken in Zukunft entscheiden, sondern vor allem über die Auswirkungen solcher Einschätzungen für Sie ganz persönlich … Für Soziales und Sicherheit kann die Digitalisierung ein Segen sein – aber auch ein Fluch, wenn Sie im „falschen“ Land leben und dort digitale Kontrolle erleben. In vieler Hinsicht sind (Un-)Sinn und Nutzen der Digitalisierung in diesen Bereichen Ansichtssache. Doch auch hier entscheidet letztlich der Mensch, wie weit er zu gehen bereit ist.

Quelle des Aufmacherbildes: Pixabay.com

Zunächst ein kurzes Video: In einer Minute lernen wir die junge, aufstrebende Lacie kennen – und wie sie mit Menschen agiert, um gesellschaftlich voranzukommen.

Die Featurette von Netflix behandelt die Folge „Abgestürzt“ aus der hochgelobten Sci-Fi-Serie „Black Mirror“. Sie spielt nur ein Stück weit in der Zukunft und zeigt den Einsatz und die Weiterentwicklung von Technologien, die heute schon vorhanden sind. Lacie will unbedingt im sogenannten Social Ranking aufsteigen, denn nur mit einer ausreichend hohen Punktzahl ist ihr die ersehnte Anerkennung sicher. Aber auch Alltagsdinge wie das Mieten eines Autos oder das Zahlen an der Tankstelle setzen einen ausreichend hohen Social Score voraus.

Im Umkehrschluss folgt zwangsläufig der soziale Abstieg, je weiter die Punkte abnehmen. Das aber kann schon passieren, wenn man seinen Mitmenschen – die sich so wie Lacie fleißig untereinander „ranken“ – vielleicht einmal kein ehrliches Lächeln entgegenbringt. Egal wie sich die Figuren in der Folge verhalten, jede Aktion zieht Zusatz- oder Verlustpunkte nach sich. Welches Schicksal Lacie blüht, verrät der Titel der Folge.

Big Data: Sozialkreditsystem in China bewertet jeden Bürger

Tatsächlich erinnert das Social-Ranking-System aus der Netflix-Serie an ein in der Realität schon längst bestehendes: In China werden praktisch alle Aktivitäten jedes Bürgers – private, wirtschaftliche, politische, polizeiliche, sogar moralische und soziale – in einem „Sozialkreditsystem“ zusammengefasst und bewertet.

Alles, was eine Person charakterisieren kann, fließt in die Bewertung ein: Meldedaten, Zeugnisse, Bonität, Strafregister, Einkaufsvorlieben und Suchanfragen im Internet, Kommentare in sozialen Medien, selbst das Verhalten im Straßenverkehr und öffentlichen Raum. Möglich wird dies unter anderem durch automatische Identifizierung per Gesichtserkennung. Das Big-Data-Projekt ist das größte der Welt. Es verarbeitet mit künstlicher Intelligenz gigantische Datenmengen und berechnet für jeden Einwohner des Landes einen Punktestand. Dieses Ergebnis digitaler Kontrolle können nicht nur Behörden und Banken einsehen, sondern auch Einkaufsplattformen und Unternehmen.

Und das hat erhebliche Auswirkungen auf die weitere „Lebensfähigkeit“ als Bürger an sich. So wurde bereits 23 Millionen Chinesen verboten, Flug- oder Bahntickets zu kaufen. Immer mehr Repressalien gibt es auch im wirtschaftlichen und sozialen Bereich: Verweigerung von Genehmigungen und Krediten, kein Zugang zu bestimmten Sozialleistungen und öffentlichen Dienstleistungen, Sperre für Jobs im öffentlichen Dienst – bis hin zum Anprangern, indem „weniger gute“ Bürger im öffentlichen Raum als schlechtes Beispiel dargestellt werden. Das geht sogar so weit, dass betroffenen Bürgern ein verändertes Telefon-Freizeichen behördlich aufgezwungen wird, so dass diese direkt beim Anrufen etwa als „unehrlicher Schuldner“ erkannt weren.

Digitalisierung mit Zuckerbrot und Peitsche

Die Liste solcher „kreativen“ Strafen ist lang – die der möglichen Verfehlungen noch länger. Sie beinhaltet nicht etwa nur naheliegende Dinge wie wirklich gravierende Ordnungswidrigkeiten und Straftaten, sondern auch moralische Kategorien (z. B.: für Taten unaufrichtig entschuldigen oder auch seine Eltern nicht regelmäßig besuchen) – oder solche, die der Regierung nicht gefallen (z. B. kritische Äußerungen in sozialen Medien). Spannend ist auch, was ein chinesischer Bürger tun kann, um seinen Punktestand zu erhöhen – vom Blutspenden bis hin zu „heldenhaften Taten“. Die FAZ hat das Thema sehr gelungen grafisch aufbereitet.

Das Sozialkreditsystem Chinas funktioniert nach dem Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“. Denn jeder „gute Bürger“ wird für sein Verhalten belohnt, etwa mit Rabatten für öffentliche Verkehrsmittel, Steuererleichterungen, schnellerem Zugang zu Arbeitsplätzen – sogar kürzere Wartezeiten in Krankenhäusern sind möglich. Somit bedeutet die digitale Kontrolle auch: Wer ein paar Mal bei Rot über die Ampel gefahren ist, muss länger auf medizinische Hilfe warten als der, der die Regierung in sozialen Medien lobt.

„Vordergründig will die chinesische Regierung durch dieses System illegales und unmoralisches Verhalten unter Bürgern wie Unternehmern unterbinden, um Stabilität und Sicherheit zu erhöhen. Tatsächlich geht es Peking aber auch darum, potenzielle soziale und politische Unruhestifter frühzeitig zu identifizieren und Anreize für konformes Verhalten zu setzen.“ (Kristin Shi-Kupfer vom Mercator Institute for China Studies in Berlin)

Die digitale Kontrolle trifft jetzt auch Firmen

Die chinesische Führung will aber noch mehr: Ab 2020 sollen auch Firmen bewertet werden – mit Schulnoten, die darüber entscheiden, was sie auf dem chinesischen Markt machen dürfen oder nicht. Steuerhinterziehung, Korruption, Verstöße gegen Umweltauflagen und Ähnliches können dann bis zum Verbot des Unternehmens führen. Außerdem gibt es Kooperationsvereinbarungen mit Online-Anbietern, die den Behörden nicht nur Daten ihrer Kunden liefern, sondern auch gleich die persönlichen Kontakte im Adressbuch überprüfen.

„Es ist zweifellos das ehrgeizigste orwellsche Vorhaben der Menschheitsgeschichte.“ (Sebastian Heilmann, Direktor des Mercator-Instituts)

Ob Personen oder Firmen: Über Big Data und digitale Kontrolle zu gesetzestreuem Verhalten anleiten zu wollen, kann man ja durchaus als smarten Ansatz sehen. Zudem betrachten die meisten Chinesen dieses Zusammenfassen aller Daten, die sowieso schon vorliegen, und deren automatisierte Analyse bis hin zur Bewertung als nicht besonders kritisch an. Dass die digitale Kontrolle in westlichen Augen eigentlich ein massives Eindringen in die Privatsphäre darstellt, wird so von der Mehrzahl der Chinesen nicht wahrgenommen.

Die meisten dazu befragten Chinesen haben Vertrauen in ihre Regierung und sehen die digitale Kontrolle pragmatisch: Das System ermutige dazu, Gutes zu tun – und wer sich an die Regeln halte, habe ja nichts zu befürchten, sondern gewinne sogar noch hinzu. Es gibt schon einwohnerstarke Regionen in China, die nach landläufiger Meinung „moralisch besser“ geworden sein sollen.

Dabei öffnet das Sozialkreditsystem der Willkür ein breites Scheunentor. Wer an den Schaltern der digitalen Macht sitzt, könnte dort punktuell eingreifen und den einen oder anderen Score manuell verbessern. Etwa weil er dazu von Kriminellen „finanziell animiert“ wird – was das System ja eigentlich gerade ausschließen soll. Auch wird sich zeigen, ob Denunziationen im privaten wie auch unternehmerischen Bereich nicht vielleicht zu Verwerfungen führen. Und damit letztlich zum Verlust der gewünschten Kontrolle.

Mehr Komfort und Effizienz, aber weniger Menschlichkeit durch Digitalisierung

Torsten Ricke, internationaler Korrespondent des „Handelsblatts“, fasst die Nachteile der Digitalisierung in einem Essay zusammen:

„Privatsphäre ist ein Relikt der Vergangenheit. Algorithmen übernehmen die Macht über Entscheidungen. Der Mensch wird durchleuchtet und zum Objekt degradiert, Technologie zu einer elektronischen Fußfessel.“

Die Digitalisierung im sozialen Bereich birgt noch einen weiteren Nachteil: Je mehr wir über soziale Medien mit anderen Menschen interagieren, desto mehr vereinsamen wir. Diesen Schluss zieht zumindest eine Studie der Universität von Pittsburgh. Der Grund ist demnach der permanente soziale Vergleich mit anderen, der langfristig das Selbstbewusstsein schädigt.

Sogar im Offline-Bereich könnten „echte menschliche Kontakte“ auf dem Rückzug sein. Beispiele dafür gibt es längst: Der Test von Robotern im Pflegebereich läuft auch schon in Deutschland, im Restaurants wird bisweilen schon an Monitoren bestellt, am Flughafen nutzt man den Online-Check-in, im Supermarkt scannt man seine Waren selbst. Die Digitalisierung steigert den Komfort und die Effizienz, aber sie „entmenschlicht“ unsere Welt.

Digitalisierung kann auch Gemeinschaft fördern

Die folgenden Beispiele sollen zeigen, wie Digitalisierung helfen kann, die Gesellschaft zusammenzubringen und die Gemeinschaft zu fördern. Die Digitalisierung gelingt hier „von unten“ und wird nicht etwa von der Regierung aufgezwungen – man begegnet sich auf Augenhöhe und zum Wohle aller.

  • Projekt „Digitale Nachbarschaft“: Ehrenamtliche Mitarbeiter können sich vom Verein Deutschland sicher im Netz e.V. zu zertifizierten Scouts ausbilden lassen, um dann das Wissen im persönlichen Umfeld weiterzugeben.
  • Projekt „Data Run“: Schüler ab der 7. Klasse lernen spielerisch, warum und wie sie ihre Daten schützen sollten. Über knifflige Rätsel werden sie zu Hackern und Journalisten, um die Versorgungseinrichtungen ihrer Stadt vor Kriminellen zu schützen.

Positive Beispiele für Digitalisierung in den Bereichen Soziales und Sicherheit

„Sozial braucht digital“, sagt auch der Caritasverband und beschäftigt sich mit den Auswirkungen der digitalen Transformation in der sozialen Arbeit.

  • Wo kann man sich in seiner Umgebung engagieren? Welche Sachspenden werden in der Nachbarschaft gebraucht? An wen kann man sich wenden, wenn man vor Ort mit anpacken möchte? Die „Anpacker-App“ verbindet Helfer, Organisationen und Freiwilligen-Zentren.

  • Mit einer Online-Lernplattform können Auszubildende, die staatlich anerkannte Altenpfleger*innen werden wollen, auf digitalem Wege Lernunterlagen abrufen und bearbeiten.
  • Die „Smartphone-Sprechstunde“ der youngcaritas Westeifel bringt ältere und junge Menschen zusammen, um sich in Sachen Facebook, WhatsApp, Google & Co. einweisen zu lassen. So ähnlich im Smartphone-Café in Gießen: Hier erklären junge Flüchtlinge Senioren den Umgang mit dem Handy, knüpfen dadurch Kontakte und verbessern ihr Deutsch.
  • Wo die physische Mobilität eingeschränkt ist, schaffen Virtual-Reality-Brillen neue Möglichkeiten: Die Bewohner eines Altenzentrums in Köln können zum Beispiel virtuelle Autorennen fahren oder – ideal für Menschen mit Handicap – einen Rundgang durch den Kölner Dom machen.
  • Das Projekt „Smart Country Side“ (SCS) liefert smarte Lösungen für die demografischen Probleme in Ostwestfalen-Lippe und entwickelt bedarfsgerechte digitale Anwendungen.

  • In der Fachambulanz für junge Suchtkranke werden Patienten mit einer verhaltenstherapeutischen App begleitet, mit der das Verlangen, die Stimmung und der Konsum über einen beliebigen Zeitraum getrackt werden können.
  • Beim Gelsenkirchener Projekt U25 beraten junge, eigens geschulte Ehrenamtliche online Jugendliche und junge Erwachsene mit Suizidgedanken – niedrigschwellig und anonym.

Übertrumpft die Vielfalt der Menschen die digitale Kontrolle?

Übrigens: Die Folge „Abgestürzt“ ist wirklich sehenswert und macht mit ihren eindringlichen Warnungen nachdenklich – weshalb man uns die Werbung für die Netflix-Serie „Black Mirror“ verzeihen möge. Wer sie anschaut, kommt sicher zu dem gleichen Schluss wie wir: Eine solche Zukunft ist alles andere als erstrebenswert.

Denn Individualität ist es, was Menschen einzigartig macht; sie passen nicht in Schubladen. Jeder Einzelfall verdient es, als solcher behandelt zu werden. Eine Gesellschaft, die mit einem Sozialkreditsystem nach dem Vorbild Chinas liebäugelt, muss sich entscheiden: Will sie mit Hilfe der Digitalisierung die Freiheit jedes Einzelnen fördern, um sich selbst insgesamt voranzubringen? Oder will sie diese individuelle Freiheit im Sinne einer kontrollierten „homogenen Masse“ aufgeben? Auch die Medien und ihre Funktion spielen bei diesen Überlegungen eine entscheidende Rolle.

Die Zukunft wird zeigen, welches Vorgehen Gesellschaften auf Dauer glücklicher macht. Die digitalen Mittel für die eine, aber auch für die andere Richtung stehen bereit.

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