Die Apple-Plattform ReseachKit ermöglicht medizinische Forschung per App.

E-Health: Forschung per App

Gesundheits-Apps kennt man, Medizin-Apps eher weniger – doch gerade die könnten eine Revolution auslösen. Erstere sind eher nützliche Helfer und drehen sich um Fitness, Impfungen oder Schwangerschaft. Doch andere Apps verbessern Diagnostik und Therapie von Krankheiten auf Basis von Gesundheitsdaten, die Nutzer freiwillig zur Verfügung stellen. Plattformen wie das ResearchKit von Apple ermöglichen  Forschern, vergleichsweise einfach medizinische Studien mit großen Teilnehmerzahlen durchzuführen.

Aufmacherbild: (C) ResearchKit von Apple / Screenshot des Icons

Welches ist die beliebteste Gesundheits- und Fitness-App, die man bei iTunes kostenlos laden kann? Auf Platz 1 steht eine App, die man dort nicht wirklich einsortieren würde: Pokémon Go! Der Hintergrund ist zwar nachvollziehbar: Millionen Kinder und Jugendliche verbringen plötzlich ihre Freizeit an der frischen Luft, entdecken eine Sehenswürdigkeit nach der anderen, und selbst Erwachsene laufen zig Kilometer pro Tag, um die kleinen Taschenmonster zu jagen und virtuelle Eier auszubrüten. Doch zu den echten Medizin-Apps, die durch clevere Datensammlung etwa Krankheiten bekämpfen helfen, gehört das Nintendo-Spiel sicherlich nicht.

Das Spiel "Pokémon Go" steht tatsächlich auf Platz 1 der beliebtesten kostenlosen Gesundheits-Apps. (C) Screenshot Chip.de
Das Spiel „Pokémon Go“ steht tatsächlich auf Platz 1 der beliebtesten kostenlosen Gesundheits-Apps. (C) Screenshot Chip.de

Pokémon Go reiht sich in die Liste der sogenannten Gesundheits-Apps ein, von denen es zurzeit über 100.000 auf dem Markt gibt. Oft geht es um die reine Information zu gesundem Verhalten, Tipps zur Stressbewältigung oder auch den Überblick über den Verlauf des eigenen Körpergewichts. Im oben stehenden Screenshot zu sehen sind auch ein Lebensmittel-Checker, ein Schrittzähler, eine Wander-App und eine Anleitung für mehr Spaß beim Sex – all dies hat nach Ansicht der Redaktion von Chip.de ja irgendwie mit Gesundheit und Fitness zu tun.

Wirksame Medizin-Apps bekommen Geld vom Staat

Dass Anwendungen mit diagnostischem oder therapeutischem Anspruch bisher eher selten sind, bescheinigt auch die vom Gesundheitsministerium geförderte Studie „Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps – CHARISMHA“, die im April am Peter L. Reichertz Institut für medizinische Informatik erarbeitet wurde. Doch wenn die „ernsthafte“ Wirksamkeit von Apps bewiesen ist, besteht die Möglichkeit, die Kosten dafür in die Regelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung aufnehmen zu lassen: Mit dem E-Health-Gesetz wurde geregelt, dass Kosten für digitale Anwendungen, die die Versorgung verbessern, von den Krankenkassen erstattet werden sollen.

Zudem werden über einen Innovationsfonds Projekte und Forschungsvorhaben mit jährlich 300 Millionen Euro gefördert, die neue Wege in der Versorgung einschlagen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat bereits eine Orientierungshilfe für die Zulassung von „Medical Apps“ entwickelt – sie soll zu einer zentralen Anlaufstelle für Gründer und App-Entwickler in Deutschland weiterentwickelt werden.

All das gibt neuen Ideen für das Gesundheitswesen Rückenwind. Und vor allem macht es den Markt für Entwickler gesundheitsfördernder Anwendungen überaus attraktiv. In nur drei Jahren schon soll sich – nach Einschätzung des Technikmagazins „Wired“ – der Umsatz mit E-Health-Anwendungen in Deutschland von heute etwa 300 Millionen Euro verdoppeln. Dabei spielen Fitness-Tracker, medizinische Apps und Telemedizin die Hauptrollen.

Rüstet sich Apple mit E-Health für die Zeit nach dem iPhone?

Insider munkeln schon, dass kein Geringerer als Apple das Thema digitale Gesundheit als das oft zitierte „next big thing“ ansehen könnte – und sich damit für eine Zeit nach dem iPhone rüstet. Vor dem Hintergrund, dass der Konzern bereits etliche Medizinexperten beschäftigt, und nach der eher heimlichen Übernahme des Startups Gliimpse Inc., dessen App Gesundheitsdaten sammelt, erscheint dies nicht unwahrscheinlich.  Apple-Chef Tim Cook sagte im August, dass man beim Thema Gesundheit „vorpreschen“ wolle – denn in diesem Gebiet suchten „viele, viele Menschen Verbesserungen“. Gegenüber dem Magazin „Fast Company“ lässt Cook durchblicken: „Wenn man die Rückerstattung durch die Krankenkassen außer Acht lässt, und wir haben dieses Privileg, könnten wir etwas schaffen, das selbst den Smartphone-Markt winzig aussehen lassen würde.“

Da alle iPhones seit dem Betriebssystem iOS 8 über das vorinstallierte „HealthKit“ und verbundene Geräte bereits zahlreiche gesundheitsbezogene Daten sammeln können, ist Apple im vergangenen Jahr einen großen Schritt weitergegangen und wirbt seit Einführung seines „ResearchKit“ aktiv um die Mitarbeit durch Entwickler und Anwender gleichermaßen. Offiziell will man so den „Anfang einer echten Gesundheitsrevolution“ einläuten – so zeigt es auch das dreieinhalbminütige Video von Apple.

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Das ResearchKit von Apple lässt Forscher besser forschen

Die ResearchKit-Plattform unterstützt als „Open-Source-Framework“ Ärzte, Wissenschaftler und andere Forscher dabei, Daten regelmäßiger und zuverlässiger von Studienteilnehmern zu sammeln, die Mobilgeräte nutzen. Erste Apps wurden bereits entwickelt: Sie untersuchen Asthma, Brustkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Parkinson und konnten schon in den ersten Wochen nach ihrer Verfügbarkeit mehr als 60.000 Anmeldungen durch iPhone-Nutzer verzeichnen. Studien, die in der Vergangenheit nur wenige hundert Teilnehmer anzogen, erreichen nun Teilnehmerzahlen in den Zehntausenden.

„Wir glauben, dass die Auswirkungen auf das globale Verständnis von Gesundheit und Wohlbefinden umfassend sein werden.“ (Jeff Williams, Senior Vice President of Operations bei Apple)

Nach Zustimmung des Teilnehmers können medizinische Einrichtungen über die ins iPhone eingebauten Sensoren (Beschleunigung, Gyro, Mikrofon, GPS) Einblick in Aktivitätsniveau, motorische Verfassung, Gedächtniszustand und mehr gewinnen. Das Tool „ResearchKit“ für die Sammlung der Daten wird dabei flankiert vom App-Baukasten „CareKit“.

„Wenn medizinische Forschung einfacher wird, verstehen wir Krankheiten leichter.“ (Apple-Webseite zum ResearchKit)

Seit dem Start hatte zum Beispiel die App „mPower“ über 10.000 Teilnehmer und ist damit laut Apple die größte Parkinson-Studie, die es je gab – und 93 % der Teilnehmer nähmen zum ersten Mal an einer Studie teil. Die App misst Geschicklichkeit, Gleichgewicht, Gang und Gedächtnis. Dadurch erkennen Forscher besser, wie Faktoren wie Schlaf, Bewegung und Stimmung die Symptome verschlechtern oder verbessern.

Apple ResearchKit: jede Menge Apps und der erste Pharmakonzern

Zahlreiche weitere Apps, die aus den Medizin-Kits von Apple hervorgegangen sind, finden sich mittlerweile im AppStore. Sie helfen dabei, Autismus zu diagnostizieren, sagen epileptische Anfälle voraus, warnen Asthmatiker vor Gebieten mit schlechter Luftqualität, überwachen Patienten mit Gehirnerschütterung, identifizieren Risikofaktoren für chronische Bronchitis, verbessern die Früherkennung von Melanomen ebenso wie die Schlafqualität. Die Liste der Möglichkeiten ist jedoch noch deutlich länger und lässt hoffen, dass die Apps tatsächlich eine medizinische Revolution auslösen könnten.

Apple treibt den Bereich E-Health an und bietet bereits viele Medizin-Apps für seine iPhones. (C) Apple
Apple treibt den Bereich E-Health an und bietet viele Medizin-Apps für seine iPhones. (C) Apple

Seit diesem Sommer ist der erste Pharmakonzern an Bord: GlaxoSmithKline will ResearchKit für eine Studie über rheumatoide Arthritis nutzen – jedoch erst einmal nur, um diesen Weg zu testen, damit bessere und kostengünstigere Verfahren für klinische Studien gefunden werden. Mit der App wolle man die Kosten für Unterbringung, Krankenpflege und ärztliche Betreuung reduzieren, so Rob DiCicco, Vice President des Bereichs Clinical Innovation des Konzerns. Darüber hinaus bekunden auch andere Pharmakonzerne Interesse an der Forschungs-Plattform von Apple.

Der Konzern ist jedoch nicht der einzige, der die medizinischen Möglichkeiten der „mobilen Datensammler“ erkannt hat.

HealthVault von Microsoft sammelt Gesundheitsdaten

Schon 2009 hat Microsoft in Kooperation mit Siemens die Gesundheitsdaten-Plattform „HealthVault“ gestartet, die die Daten aus unterschiedlichen Quellen an einem gemeinsamen Ort zusammenführt und dazu mit Ärzten, medizinischen Einrichtungen, Geräteherstellern sowie Apotheken und Versicherungen zusammenarbeitet.

Bisher konzentriert man sich auf die zentrale Speicherung: „Bei mit HealthVault verbundenen Anwendungen handelt es sich um Websites, PC-Software und mobile Apps, die Ihnen helfen können, Ihre Gesundheitsinformationen besser zu nutzen“, heißt es auf der Projektseite. „Wenn Sie HealthVault verwenden und einer App Informationen hinzufügen, können Ihre anderen verbundenen Apps diese ebenfalls nutzen.“ Über die verbundenen Apps und Geräte wiederum lassen sich etwa chronische Erkrankungen überwachen und diesbezügliche Daten an Ärzte übermitteln.

Internationale Gesundheitsdaten-Plattform aus Slowenien

„Wir sehen es als unumstößliche Forderung für die Zukunft, dass Gesundheitsdaten offen und herstellerunabhängig sind.“ (Webseite der Firma Marand)

Schon recht weit ist die slowenische Firma Marand, die eigentlich aus der Telekommunikation kommt. Sie stellt über die herstellerunabhängige „Think!EHR Platform“ Schnittstellen und Werkzeuge für einen unkomplizierten Datenaustausch zur Verfügung. So wurde bereits Sloweniens E-Health-Infrastruktur entwickelt, die den Austausch von klinischen Dokumenten zwischen den 120 Institutionen des Landes ermöglicht, Außerdem hat Marand ein Backend für die nationale elektronische Krankenversicherungskarte bereitgestellt sowie ein klinisches Krankenhaus-Informationssystem aufgebaut.

Logo der Gesundheitsdaten-Plattform der slowenischen Firma Marand. (C) Marand
Logo der Gesundheitsdaten-Plattform von Marand. (C) Marand

„Das Problem ist, dass strukturierte klinische Informationen noch immer in getrennten Silos gespeichert sind. Was die Sache schlimmer macht: Allein in den USA werden täglich mehr als 3 PetaByte von solch nicht interoperablen Silo-Daten von Gesundheitsanwendungen erzeugt.“
(Webseite der Firma Marand)

Ebenso nutzt die Firma Cambio Healthcare Systems in Schweden die Marand-Plattform, um ihre Kunden bei klinischen Entscheidungen zu helfen, und in Moskau entsteht sogar eines der größten Gesundheitsprojekte der Welt: die Sammlung von Gesundheitsdaten von 12 Millionen Bürgern der Stadt – für 130.000 Anwender in 780 Einrichtungen, einschließlich aller Primärversorger und Krankenhäuser. Dieser dreiminütige TV-Beitrag eines russischen Fernsehsenders, der den Pilotbetrieb von sechs Kliniken begleitete, ist ohne Russischkenntnisse zwar schwer zu verstehen – verdeutlicht aber dennoch, welcher Aufwand hinter dem Projekt steckt.

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Auch deutsche Krankenkassen entwickeln Gesundheitsdaten-Plattform

„Die Zeit ist reif, die digitale Versorgung massiv voranzutreiben.“ (Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse)

Seit 2015 will auch die Techniker Krankenkasse verstärkt auf eigene Anwendungen für Smartphones setzen, um die Prävention von Krankheiten sowie Therapien zu unterstützen. „Gut gemachte Apps stärken den Patienten in seiner Eigenverantwortung, bieten leitliniengestützte Informationen im Gegensatz zu ‚Dr. Google‘, und sie bieten einen Mehrwert für den Versicherten und seine Krankenkasse“, so TK-Chef Baas. So bietet die Kasse etwa eine Diabetes-App an, mit der man ein digitales Blutzucker-Tagebuch führen und seinem Hausarzt eine weiterverwertbare Übersicht über den Krankheitsverlauf geben kann.

In diesem Jahr ist auch die AOK Nordost auf den Zug aufgesprungen: Seit April arbeitet sie gemeinsam mit dem IT-Ausrüster Cisco am Aufbau einer digitalen Gesundheitsplattform, über die 1,75 Millionen Versicherte in Zukunft, so die Pressemitteilung, „ähnlich sicher, transparent und komfortabel auf ihre Gesundheitsdaten zugreifen können wie beim Online-Banking auf ihre Finanzen“. Geplant sind Informationen über anstehende Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen sowie vergangene Behandlungen. Auf Wunsch könnten die Versicherten Befunde und Laborwerte weiterbehandelnden Ärzten verfügbar machen, und chronisch Kranke sollen sich auf der Plattform in einem geschützten Raum ähnlich einem Chatroom mit anderen Patienten austauschen können.

„Besonders im Gesundheitswesen ist der direkte Nutzen der Digitalisierung für die Menschen groß.“
(Oliver Tuszik, Deutschland-Chef von Cisco)

Online-Umfrage der Bundesregierung zu Medizin-Apps und Gesundheits-Apps

Die Zukunft wird zeigen, ob die „digitale Revolution“ im privaten Gesundheitsbereich kommen wird – die Zeichen stehen zumindest auf Grün. Zudem bleibt zu hoffen, dass diese Revolution zum Wohl der Gesellschaft ausfallen wird. Bis dahin ermutigt ganz aktuell die Bundesregierung alle Bürger, ihre Erfahrungen mit Medizin- und Gesundheits-Apps mitzuteilen: Der Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung hat vor kurzem eine Online-Umfrage gestartet, an der alle User teilnehmen können, die Gesundheits-Apps nutzen.

Welche Vorteile bieten die Apps, welche Risiken bergen sie? Die Registrierung für die Umfrage, die bis Ende Oktober 2016 laufen soll, erfolgt über das Stakeholder-Panel – dort einfach anmelden und vier Fragen beantworten. Dann gibt‘s auch über diese Umfrage hinaus in unregelmäßigen Abständen Einladungen zu weiteren Umfragethemen.

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