Digitalisierung in der Bildung: Alles Tablets, oder was?

Digitalisierung wird oft als Heilsbringer für die Lösung von Problemen und Herausforderungen angesehen – auch und gerade in der Bildung. Doch je lauter der Ruf nach Veränderungen, um die Lernwelt zukunftssicher zu gestalten, umso mehr Kritiker melden sich ebenfalls zu Wort. Was spricht für die Digitalisierung an Schulen, Hochschulen und Weiterbildungsinstituten – und was dagegen? In jedem Fall verdeutlicht die Diskussion, in welch großem Umbruch sich das Thema Bildung in Deutschland befindet.

Quelle des Aufmacherbildes: Pixabay.com

Allgemeinbildende Schulen, Berufsschulen, Weiterbildungsinstitute – viele von ihnen haben in den letzten Jahren massiv in ihre technische Ausstattung investiert, etwa in Smartboards oder auch Tablets für ganze Klassen. Sie haben moderne Kursformen wie Webinare eingeführt oder die Einbeziehung neuer Medien („Integriertes Lernen“) vorangetrieben. Auch im ländlichen Bereich starten immer mehr Projekte für die Schule der Zukunft.

Lässt sich daraus der Wille zu einer echten „digitalen Lernkultur“ ablesen? Dieser Frage ist die Essener Denkwerkstatt mmb Institut nachgegangen und hat in Lerninstitutionen Leitungs- und pädagogisches Personal befragt.

Digitalisierung in der Bildung
Welchen Stellenwert hat der Einsatz digitaler Lernformen im Rahmen der strategischen Ausrichtung in der Bildungseinrichtung? (C) digitalisierung-bildung.de / mmb Institut GmbH

Das zentrale Ergebnis: Während an allgemeinbildenden Schulen der Stellenwert digitaler Lernmedien für die Schulstrategie noch nicht als besonders hoch angesehen wird, planen Verantwortliche in Berufsschulen und Weiterbildungseinrichtungen die Digitalisierung in vielen Fällen bereits strategisch. Damit, so das Institut, würden „viele Berufsschulen auch die Weichen für eine gute Berufsvorbereitung in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt“ stellen.

Das spricht für eine Digitalisierung der Bildung

Zukunft der Arbeitswelt

Nicht nur findet eine zunehmende Digitalisierung in den verschiedensten Branchen statt, auf die Arbeitnehmer von morgen vorbereitet sein sollten. Mit einiger Wahrscheinlichkeit werden viele Kinder, die im Sommer 2019 ihren ersten Schultag erleben, später sogar Berufe ausüben, die jetzt noch gar nicht existieren und erst durch die Digitalisierung entstehen werden.

Wettbewerbsfähigkeit

Ein Land, das sich technologisch und wirtschaftlich nicht abhängen lassen will, muss im Blick behalten, was „die anderen“ tun. Tatsächlich haben viele Staaten ihr Bildungssystem deutlich stärker digitalisiert als Deutschland. Hierzulande dagegen sind laut einer Studie 30 Prozent aller Schüler digitale Analphabeten. Trotz aller Kulturtechniken, die es zu bewahren gilt: „Je mehr unser Leben von Algorithmen bestimmt wird, desto dringlicher müssen auch Programmiersprachen Kulturtechnik werden“, schreibt zum Beispiel IT-Redakteur Igor Steinle von der „Südwest-Presse“.

Qualität der Bildung

Durch moderne Technologien könnten Schüler wie Lehrer profitieren – angefangen von Lernvideos auf YouTube, um die Schulen quasi auf Augenhöhe mit den Schülern zu bringen, bis hin zu zentralen Plattformen wie der „Lern-Cloud“, wo Lehrer auf pädagogisch wertvolle Materialien zugreifen können, die sich bereits im Unterricht bewährt haben.

Beispiele dafür gibt es viele. Das bekräftigt auch das mmb Institut, das seit mehreren Jahren empirische Schulforschung für Ministerien und Wirtschaftsregionen betreibt. „Das hat sich in allen Forschungskontexten gezeigt: Es gibt großartige, kreative und dazu einfache Beispiele, wie guter Unterricht mit Medieneinsatz gelingt.“ In seinem Zwischenfazit zur Digitalisierung an Schulen listet das Institut gleich mehrere Projekte auf.

Kosten der Bildung

Digitalisierung geht in vielen Fällen auch mit einer Reduzierung der Kosten einher. Auch dafür ist die Idee einer „Schulcloud“ ein gutes Beispiel: Bei der als länderübergreifende Lernmanagement- und Content-Plattform für alle Schulen gedachten Lösung müssten Anwendungen, Dienste und Inhalte nicht einzeln von jedem Schulträger angeschafft und abgerechnet werden. Vielmehr würden sie aus der Cloud heraus als Webservices bereitgestellt. Eine solche länderübergreifende Schulcloud wird zurzeit vom Potsdamer Hasso Plattner Institut (HPI) im Auftrag des Bundesbildungsministeriums entwickelt.

Vorausschauendes Lernen

Anwendungen wie die Schulcloud, genauso wie andere digitale Plattformen, fördern auch die Entwicklung von Diensten, die auf Künstlicher Intelligenz basieren. Durch die Analyse großer Datenmengen könnte „predictive learning“ das individuelle Eingehen auf Stärken und Schwächen jedes einzelnen Schülers deutlich verbessern.

Individualisierung und Demokratisierung

Digitale Lernmethoden fördern nicht nur die Chancengerechtigkeit, unabhängig von Herkunft, schulischer Leistung und Geschlecht. Sondern sie stärken auch die Talente und Bedürfnisse aller. Maßgeschneiderte Lernwege, die die eigenen Interessen und Voraussetzungen berücksichtigen, sind viel besser umsetzbar – und nebenbei auch noch vergleichsweise günstig bereitzustellen. Die „ZEIT“ listet Beispiele mit beeindruckendem Erfolg auf.

Digitalisierung in der Bildung
Immer mehr Projekte zur Digitalisierung in der Bildung feiern beachtliche Erfolge. Bildquelle: Pixabay.com

Attraktivität der Ausbildung

Dass moderne Lehrmittel einen Ausbildungsgang interessanter machen, dürfte unbestritten sein. Geplant ist laut Bertelsmann Stiftung zum Beispiel in Berufsschulen der vermehrte Einsatz von Virtual und Augmented Reality. Damit lassen sich etwa komplexe Anlagenteile in 3D studieren oder auch Reparaturen an Maschinen oder Fahrzeugen begutachten. „Das erleichtert das Verständnis und kommt jungen Menschen entgegen, die lieber am plastischen Objekt lernen als mit Buch und Bildschirm“, betont die Stiftung und weist auf eine Beschleunigung der Lernprozesse hin. Schöner Nebeneffekt: Fehler und Unfälle werden reduziert, und auch die Anschaffung teurer Maschinen für den Anschauungsunterricht kann entfallen.

Neue Lernmethoden

Erst durch Digitalisierung entstehen neue Lern- und Lehrkonzepte, die mit einen Teil dazu beitragen können, die Gesellschaft voranzubringen. Kreative Entwickler schaffen somit Lösungen, mit denen Wissen auf intelligente Weise verarbeitet wird. Ein Beispiel sind Apps und Plattformen, durch die das Sprachenlernen oft auch ohne Unterstützung durch Lehrkräfte möglich wird.

Digitalisierung in der Bildung
Ein Lehr-Bot, der Schüler beim Lernen hilft. (C) Flickr/Forum Bildung Digitalisierung e.V., Lizenz: CC BY 4.0, Bild angepasst

Manche Forscher prognostizieren gar den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, etwa in Form von „Lehr-Bots“, die auf jeden Schüler individuell eingehen können und dabei die klassische Lehrkraft ergänzen.

Das spricht gegen eine Digitalisierung der Bildung

Wissen abrufen statt aneignen

Wie eingangs bereits beschrieben gibt es bei all diesen Vorteilen digitaler Bildungskonzepte aber auch viele Kritiker. Sie prangern beispielsweise ein schon vorhandenes „Übermaß an Digitalisierung“ an: Lernende würden nur noch erfahren, wo sie Wissen abrufen können, statt sich das Wissen selbst anzueignen. Daneben bescheinigt eine Studie nach der anderen die nachlassenden Deutsch- und Mathe-Kenntnisse, vor allem eklatante Mängel beim Lesen und „Verinnerlichen“ von Inhalten.

Digitalisierung nach dem „Gießkanne-Prinzip“ sei deshalb das schlechteste Mittel, um echte Lernerfolge zu fördern. Auch das Aneignen einer „schönen“ Handschrift gelingt vielen Heranwachsenden immer schlechter. Hinzu kommen gesundheitliche Aspekte: Wer ständig mit Bildschirmen arbeitet, schadet nachweislich seinen Augen und seinem Rücken.

Problemfeld Datenschutz

Nicht zu unterschätzen ist das Problem des Datenschutzes: Digitalisierung bedeutet immer auch das Speichern von Daten, sei es von Schülern oder auch von Lehrern, bis hin zu den Institutionen an sich. Durch die Schaffung von „Big Data“ werden nie dagewesene Auswertungen und Einblicke ins Schulsystem möglich – von Nutzungsprofilen der Lernenden bis zu automatisierten Bewertungen der Lehrenden. Beim mmb Institut erklärt der Leiter des Projekts „Monitor Digitale Bildung Deutschland“, wie weitgehend die Folgen sein könnten.

70 Argumente, die man kennen sollte

Noch viel weiter in seiner Kritik – aber mit konstruktivem Ansatz zur Lösung der Probleme – geht Dr. Beat Döbeli Honegger vom Institut für Medien und Schule der Pädagogischen Hochschule Schwyz: Auf seiner Webseite hat der Autor des Buches „Mehr als 0 und 1 – Schule in einer digitalisierten Welt“ sage und schreibe 70 Argumente gesammelt, die gegen die Digitalisierung in der Bildung sprechen. Der Wissenschaftler sagt: „Es ist wichtig, diese Argumente zu kennen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Gewisse sind unsinnig oder leicht zu widerlegen, andere gilt es durchaus zu bedenken und sind nicht von der Hand zu weisen.“

Als Beispiel sei das „Dopamin-Argument“ herausgepickt: Informations- und Kommunikationstechnologie führe leicht zu Erfolgserlebnissen, das vermindere die Anstrengungsbereitschaft.

„Wer mit Heften und Büchern statt mit Screens arbeitet, lernt etwas. Sich mit einem unveränderlichen gedruckten Text beschäftigen, der durch kein lustiges Video aufgelockert wird und neben dem kein animierter Dackel aufspringt, wenn man die Kontrollfrage richtig beantwortet: Das ist eine Kompetenz. Viele wichtige Dinge des Lebens kommen als sperrige Texte daher, vom Kleingedruckten im Kreditvertrag bis zur Hotelbibel. Wer sich darauf nicht einzulassen weiß, ist ungenügend ausgebildet.“

In einem gut einstündigen Video geht Honegger auf die Möglichkeiten ein, wie Schule auf den Leitmedienwechsel reagieren kann, und zeigt damit vor allem, wie schwierig es ist, bei verschiedenen Positionen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Die Folien des Vortrags sind hier abrufbar.

Der Klassiker bei den Hemmnissen: Bildung ist Ländersache

Zudem zeigt sich auch ein großes Problem durch das föderale System der Bundesrepublik: Fast alle Bundesländer schlagen in der Digitalisierung eigene Wege ein – und manche beschreiten sie schneller, manche langsamer. Eine länderübergreifende Schulcloud, die unter anderem die Lizenzierung von Anwendungen und Inhalten vereinfachen und die Kosten signifikant senken würde, rückt so in immer weitere Ferne. Selbst der vom HPI betriebene bundesweite Prototyp, der immerhin von Niedersachsen und Brandenburg genutzt wird, trifft bei vielen anderen Landes-Kultusministern auf keine besonders große Begeisterung.

Die Digitalisierung in der Bildung scheint unaufhaltsam weiterzugehen

Trotz aller Bedenken aber scheint die Entwicklung hin zum „digitaleren“ Unterricht kaum aufzuhalten zu sein. Zu verlockend wirken die Vorteile, zu zahlreich sind in der Abwägung der Argument die Befürworter vertreten.

Wie immer bei systemtheoretischen Diskussionen sollte man aber auch die Alltagspraxis nicht aus dem Blick verlieren. Denn gerade allgemeinbildende Schulen haben in Deutschland häufig ganz andere, drängendere Probleme als die Umsetzung von Digitalisierungskonzepten. Auf den Punkt bringt das Dilemma noch einmal IT-Redakteur Igor Steinle von der „Südwest-Presse“:

„Ohne Unterstützung seitens der Politik wird das nicht gelingen. Die Schulen sind in einem derart desolaten Zustand, dass selbst der milliardenschwere Digitalpakt von Bund und Ländern nicht reicht, diese Aufgabe zu bewältigen. Es sei denn, Lern-Tablets sind dafür da, sich vor dem Putz zu schützen, der in manchen Schulen von der Decke fällt.“ (Igor Steinle, SWP)

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