Thinktanks für Künstliche Intelligenz: Die weisen Mitbestimmer der Zukunft

Aufmacherbild: Fotomontage; Bildquellen: Pixabay.com (rechts) und Wikipedia, von Argonne National Laboratory’s Flickr page – originally posted to Flickr as Blue Gene / PFrom Argonne National Laboratory, uploaded using F2ComButton, CC BY-SA 2.0

Wie kaum ein anderes Thema könnte Künstliche Intelligenz die Entwicklung der Menschheit beeinflussen – weshalb sich immer mehr Denkfabriken, Forschungseinrichtungen und Unternehmen zentralen Fragen widmen: Was bringt KI für die Gesellschaft? Wie kann KI den Komfort der Nutzer und die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen steigern? Welche ethisch-moralischen Regeln müssen definiert werden, damit KI zu einem hilfreichen Begleiter wird? 

Dass die Maschinen fast die Macht übernahmen, ist schon einige Zeit her.

Zumindest gab es fast eine Machtübernahme im übertragenen Sinne: Wenn ein Mensch nicht mehr unterscheiden kann, ob er es mit seinesgleichen oder mit einer Maschine zu tun hat, weil diese ihn ausreichend täuscht, dann ist die „Übernahme“ des Bewusstseins geglückt. Tatsächlich gab es vor ziemlich genau sechs Jahren bei einem Technikfestival in Indien eine erfolgreiche Täuschung in sechs von zehn Fällen. Am 3. September 2011 schaffte es eine mit KI ausgestattete Web-Applikation, gut 60 Prozent von über 1300 Menschen davon zu überzeugen, selbst ein Mensch zu sein.

Trotz unterschiedlicher Methodik erinnert dieser Versuch an den berühmten Turing-Test. Im Jahr 1950 entwickelte der britische Informatiker Alan Turing eine Idee, wie man feststellen könnte, ob ein Computer ein Denkvermögen hat, das dem Menschen ebenbürtig ist: Ein Proband kommuniziert über Tastatur und Bildschirm mit zwei Gesprächspartnern. Einer davon ist ein Mensch, der andere eine Maschine. Beide versuchen, den Tester davon zu überzeugen, dass sie denkende Menschen sind. Wenn dieser nach dem Testdurchlauf nicht sicher sagen kann, welches Gegenüber die Maschine ist, hat diese den Test bestanden und dem Menschen ebenbürtiges „Denkvermögen“ bewiesen.

Restlos überzeugt hat bis heute noch kein Programm – doch der Umstand, „nah dran“ zu sein, hat zu dieser Feststellung in der Wikipedia geführt: „Seither ist dieser Test in der Diskussion über Künstliche Intelligenz legendär und dient immer wieder dazu, den alten Mythos von der denkenden Maschine für das Computerzeitalter neu zu beleben.“ Beispiel „Deep Blue“: Der Supercomputer von IBM (Teil des Titelbildes dieses Beitrags) besiegte vor 20 Jahren den amtierenden Schachweltmeister Gary Kasparow.

„Die künstliche Intelligenz hat den Rubikon überschritten. Damit erhalten wir in den kommenden Jahren völlig neue Geräte, Anwendungen und Geschäftsmodelle. Die nächste große Welle nach der Digitalisierung wird den Gesundheitsbereich betreffen. Intelligente Maschinen werden alternden Menschen helfen, lange selbstständig zu sein.“

Die Zitatgeberin Yvonne Hofstetter ist Autorin des Buches „Sie wissen alles. Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen“. Und sie ist Gründerin der Firma Teramark, die die technische Fusion nicht personenbezogener Daten vermarktet.

Immer mehr Thinktanks widmen sich dem  Thema Künstliche Intelligenz

Das Zitat entstand im Rahmen eines Interviews für das Frankfurter Zukunftsinstitut, das als einer der einflussreichsten Thinktanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung gilt. Auch das Thema KI steht immer wieder im Fokus seiner Forschung. „Oberstes Ziel ist es, den Wandel begreifbar zu machen und Zukunft als Chance zu verstehen“, schreibt das Institut auf seiner Webseite.

(C) Frankfurter Zukunftsrat (Screenshot Webseite)

Dagegen ist der „Frankfurter Zukunftsrat“ ein Zusammenschluss bekannter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und der Wissenschaften. „Unsere Vision ist ein zukunftsorientiertes und dynamisches Deutschland, das gut gerüstet seine Zukunft in einem gemeinsamen Europa, aber auch in der globalisierten Welt gestalten kann.“

Umso mehr steht auch hier die Künstliche Intelligenz zunehmend im Mittelpunkt. So schreibt Jürgen Schmidhuber, Experte für künstliche neuronale Netze, in einem Gastbeitrag, dass KI „alles ändern“ werde. „Automatisch entdecken Maschinen Tumorzellen in menschlichem Gewebe, erkennen Sprache, Handschrift oder auch Verkehrszeichen für selbstfahrende Autos, sagen Aktienkurse vorher, übersetzen Texte oder steuern Roboter für die Industrie 4.0. Auch die Versicherungswirtschaft ist stark betroffen, denn KI erlaubt zum Beispiel bessere patientenspezifische Vorhersagen der zu erwartenden Kosten von Behandlungen.“

(C) Management Circle AG (Screenshot Webseite)

Wie stark und vielfältig Künstliche Intelligenz unser tägliches Leben beeinflussen könnte, damit beschäftigen sich auch immer mehr Diskussionsveranstaltungen, die von Thinktanks organisiert werden.

KI macht Kundenservice intelligenter

Hier steht das Thema nicht nur allgemeingültig auf der Agenda, sondern es werden ganz gezielt auch Teilbereiche behandelt – wie etwa „Die digitale Zukunft des Kundenservice“  bei der Konferenz „Think digital!“ am 25. und 26. September in Frankfurt. Diskutiert wird etwa die Erwartung immer anspruchsvollerer Kunden, dass Beratung „personalisierter“ werden müsse – was wiederum den Einsatz von KI voraussetzt. Dank „Predictive Analytics“ weiß der Computer früher und besser, was der Kunde will.

(C) conichi / Hotel Beacons GmbH (Screenshot Webseite)

Stichwort Kundenservice: In einem eigenen Thinktank hat die Tourismusbranche erst im Februar diesen Jahres in Berlin über die zentrale Rolle diskutiert, die KI in Zukunft speziell in diesem Geschäftsbereich spielen wird. Schon jetzt würden Innovationen durch Digitalisierung in anderen Industrien genutzt, um das Kundenerlebnis auszubauen – eine Entwicklung, die schon jetzt zu gesteigerter Kundenbindung führe. Martin Biermann, Produktmanager der Hotelplattform HRS, stellte klar: „Künstliche Intelligenz in die Tourismusindustrie einzuführen, könnte Kunden personalisiertere Erlebnisse ermöglichen, die den Erwartungen der Reisenden von heute gerecht wird. Speziell mit Millenials, die bis 2020 die Hälfte der Geschäftsreisen ausmachen werden.“

(C) ai-experts.de (Screenshot Webseite)

Fast zur gleichen Zeit tagte die neu gegründete Thinktank-Initiative „AI-Experts“ mit Sitz in Köln. Um die Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz zu thematisieren und transparent zu machen, haben sich Fachleute der Unternehmen T-Systems Multimedia Solutions, brightONE, CSC und ITyX zusammengeschlossen und präsentieren sich im Februar auf einer Messe für Serviceprozesse und Kundenkommunikation in Berlin.

(C) Bitkom (Screenshot Webseite)

Eine Plattform für Erfahrungsaustausch rund um Künstliche Intelligenz will auch der Doppelkongress „Big-Data.AI Summit 2018“ im Frühjahr in Hanau sein – hier treffen sich gut 700 Entscheider und Wissenschaftler der Datenwirtschaft, um über Trends und den Einsatz von Big-Data-Technologien und KI-Technologien in der Praxis zu diskutieren. Viele Herausforderungen für Unternehmen, so die Ankündigung des Events, ließen sich mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz effizienter bewältigen. Allerdings zögerten die meisten Unternehmen noch, da ihnen mögliche Geschäftsmodelle und das Verhältnis von Aufwand und Nutzen nicht klar genug seien.

Noch in der Planung steckt der neue Anlauf für den „Digital Hills Think Tank“, dessen ursprünglich für 2016 angesetzter Termin in München erst einmal verschoben werden musste. Die „Wissens- und Austauschplattform für digitale Köpfe und Veränderungstreiber“ widmet sich den Themen Künstliche Intelligenz und Automatisierung der Arbeit und will eine Orientierungshilfe sein zwischen echten Veränderungsprozessen und übertriebenem Hype und Buzzwords.

Zwei Drittel der Unternehmen fühlen sich auf KI mangelhaft vorbereitet

Stattgefunden hat dagegen der 16. Zukunftskongress in Wolfsburg – organisiert vom 2b AHEAD ThinkTank, der sich selbst als „innovativste Denkfabrik der europäischen Wirtschaft“ bezeichnet. Seit 2002 treffen sich jährlich gut 300 CEOs, Innovations-Chefs und Markenstrategen aus den verschiedensten Branchen der internationalen Wirtschaft zu einem Erfahrungsaustausch. Im Juni wurden dabei auch die Ergebnisse eines „Innovationsbarometers“ veröffentlicht, nach denen die Unternehmen sich selbst mangelhaft auf künstliche Intelligenz vorbereitet sehen.

Der Schwerpunkt der Befragung lag im ersten Halbjahr auf dem Thema „Think Quantum – The Prediction of Everything“. Prognosen auf Grundlage von KI werden, so die Prämisse, durch ungleich leistungsfähigere Quantenrechner schneller und zuverlässiger zur Verfügung stehen – für Unternehmen wie für Kunden. Der Erkenntnisstand der Unternehmen ist bei diesem Thema jedoch nach eigener Einschätzung bei zwei Dritteln noch gering.

Mit der gesellschaftlichen Bedeutung zukunftsträchtiger Technologien beschäftigt sich auch die Stiftung für Effektiven Altruismus (EAS). Der Berliner Thinktank hat ein Diskussionspapier verfasst, in dem die Experten Chancen und Risiken der künstlichen Intelligenz aufzeigen und auch kurz-, mittel- und langfristige Herausforderungen formulieren.

(C) DFKI

Überhaupt schlägt das Thema hohe Wellen, seitdem Persönlichkeiten wie Stephen Hawking, Elon Musk oder Bill Gates davor warnen, dass KI eine Bedrohung für die Menschheit darstelle. Der deutsche Professor Andreas Dengel, einer der weltweit führenden Forscher, ist Direktor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern und nimmt in einem zweiminütigen Video Stellung zu den Fragen, wann die Maschinen die Macht übernehmen und ob sie uns Menschen verdrängen. Seine Kernthese: Eine vollkommene Machtübernahme durch Maschinen sei unwahrscheinlich – allerdings machen wir uns zunehmend abhängig von Maschinen und Software, sodass Ausfälle oder Manipulationen immer gravierendere Auswirkungen haben.

„Künstliche Intelligenz erlebt eine Blütephase“, pflichtet Informatik-Professor Wolfgang Wahlster seinem DFKI-Kollegen Dengel bei. Die Unternehmensgründungen, die sich aus den Forschungen des DFKI heraus ergeben haben, nähern sich bereits der 100er-Marke – mit fast 4000 Mitarbeitern.

(C) Soundcloud.com

Tipp zum Hören: Mit dem DFKI-Sprecher Reinhard Karger, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen ist, hat der Digital-Hills-Thinktank ein interessantes Audio-Interview geführt. Der Podcast geht auf die aktuellen Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz und die Perspektive des KI-Standorts Deutschland ein, aber zum Beispiel auch auf die ersten „maschinellen Dolmetscher“ in den 1990er-Jahren.

Große Nachfrage nach KI auch in den Forschungseinrichtungen

Neben dem Forschungszentrum in Kaiserslautern und seinen Schwesterstandorten Bremen und Saarbrücken, die gemeinsam als weltweit führende Forschungsinstitution im Bereich der KI gelten, haben sich auch andere Forschungsstandorte in Deutschland längst einen internationalen Ruf erarbeitet. Ein Beispiel ist das Fraunhofer Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme („IAIS“) in Sankt Augustin zwischen Köln und Bonn. Christian Bauckhage, Experte für Machine Learning, sagt in einem Interview:

„Die vergangenen siebzehn Jahre hat sich so gut wie niemand wirklich dafür interessiert, was wir hier machen. Einige Computer- und Software-Spezialisten vielleicht, ein paar Nerds, Roboteringenieure und vor allem die Fans von Science-Fiction. Nun stehen sie alle vor der Tür: Autokonzerne, Banken, Versicherungen, Pharmahersteller, zudem Headhunter aus dem Silicon Valley rufen täglich an.“
(Christian Bauckhage, Fraunhofer IAIS)

Auch Bauckhage geht davon aus, dass stets die Menschen die Maschinen kontrollieren werden. Zwischen dem Deep-Blue-Jubiläum, das nun schon zwei Jahrzehnte zurückliegt, und der Leistung von „Deep Mind“ von Google, als 2015 der Weltmeister im Go geschlagen wurde, liegt zwar eine große Weiterentwicklung – doch Bauckhage ordnet die Relevanz so ein: „Das ist genauso, wie auf einem automatisierten Webstuhl mehr Stoff verwebt wird als auf einem Handwebstuhl.“

Dazu passt ein abschließender Schwenk zu Alan Turing und seinem Test. Seit 1991 – damals hatte der US-Soziologe Hugh G. Loebner einen Preis ins Leben gerufen, mit dem der erste Programmierer ausgezeichnet werden soll, dessen Software den Turing-Test besteht – ist man auf der Suche nach einem erfolgreichen Computerprogramm. Die Sorge, dass die Maschinen irgendwann „besser denken“ als wir Menschen, muss also vielleicht gar nicht so groß sein.

Der tägliche Beweis, dass wir besser als Maschinen sind

Übrigens haben viele Internet-Nutzer fast täglich mit dem Turing-Test zu tun. Wenn wir auf einer Webseite etwa einen Kommentar abgeben oder uns für einen neuen Account registrieren, müssen wir in vielen Fällen zum Schluss die Maschine überzeugen, dass wir ein Mensch sind – mit Hilfe des CAPTCHA-Verfahrens, bei dem die Eingabe einer Buchstaben-Ziffern-Kombination oder das Erkennen von Gegenständen in Bildern nötig ist.

Und wussten Sie schon, dass das „T“ in CAPTCHA für „Turing“ steht? Die Abkürzung bedeutet „Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart“.

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