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Zentren der IT-Forschung: Software lernt beim DFKI „denken“

Aufmacherbild: (C) DFKI Kaiserslautern

Wenn sich ein US-Konzern, der vor allem bekannt ist wegen seiner teilweise verrückten Forschungs-Anstrengungen und Innovationskraft, an einer deutschen Ideen-Schmiede beteiligt, dann muss die etwas Besonderes sein.  Also: Was machen die bloß beim DFKI, was Google gerne hätte? Zum Beispiel dafür sorgen, dass sich ein Computer als Mensch ausgeben kann…

Autoren: R. Wagner; H.Rügheimer; C.Spanik

Es war eine Überraschung in der Forschungswelt: Google beteiligt sich am DFKI – und das offensichtlich aus gutem Grund. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz gilt als führend auf dem Gebiet innovativer Softwaretechnologien, vor allem im Bereich der semantischen Anwendungen. Beispiel: Erkennen wir demnächst noch, ob wir mit einem Menschen oder einem Computer kommunizieren? In unserer Serie „Zentren der IT Forschung“ wollten wir wissen: Was machen die Forscher und Entwickler am DFKI?

Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen

Können wir Mensch und Maschine unterscheiden? Auch wenn sich diese Frage sicher noch einige Jahre mit „ja“ beantworten lässt, ist die Richtung doch eindeutig: Die Grenzen verschwimmen immer mehr, Kommunikation verläuft zunehmend „automatisch“ – als Hilfsmittel in unserem Alltag. Ein Beispiel sind komplexe Suchanfragen im Internet. Erst kürzlich hat das DFKI die „Semantic Web Challenge“ gewonnen, den wohl wichtigsten jährlichen internationalen Wettbewerb für semantische Technologien.

(C) 3cixty.com / DFKI
Screenshot der App „ExplorMI 360“ von 3cixty und DFKI

Ausgezeichnet wurde die App „ExplorMI 360“ (für Android hier abrufbar), die die Besucher der Weltausstellung in Mailand durch sämtliche Länder- und Themenpavillons, Vorträge und Events, Hotels, Restaurants und Verkehrsverbindungen führt. Der Clou ist die Personalisierung nach eigenen Bedürfnissen: Eine Plattform im Hintergrund speist sich aus unterschiedlichen Quellen, verknüpft diese semantisch, aggregiert sie zu einer Wissensbasis und macht ihre Inhalte in einem einheitlichen Format zugänglich.

Computer als Hotline-Mitarbeiter?

Sprachen sind nicht bloße Abfolgen von Wörtern – diese Erkenntnis will das DFKI mit seinen Entwicklungen mit Leben füllen. So arbeitet die Abteilung „Language Technology Lab“ aktuell an einer hybriden Übersetzungstechnologie, die statistische Systeme mit linguistischem und semantischem Wissen aus dem Internet anreichert, um bessere Übersetzungsergebnisse zu erzielen. Konkretes Anwendungsbeispiel: Eine Chat-Hotline kann Nutzeranfragen zu PC-Problemen automatisch in verschiedenen Sprachen beantworten.

(C) DFKIDas Forschungszentrum hat Standorte und Projektbüros in fünf deutschen Städten (Kaiserslautern, Saarbrücken, Bremen, Osnabrück und Berlin) und zählt in der internationalen Wissenschaftswelt zu den wichtigsten „Centers of Excellence“. Gemessen an Mitarbeiterzahl und Drittmittelvolumen, gilt das DFKI derzeit als weltweit größtes Forschungszentrum auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz und deren Anwendungen.

Ein Institut schafft 1700 Arbeitsplätze – mit Spin-Offs

Mehr als 450 Mitarbeiter aus ca. 60 Nationen forschen zurzeit an gut 180 Projekten in praktisch allen Bereichen, wo Software zum Einsatz kommen kann – eine Übersicht findet sich hier. Aus den Projekten hervorgegangen sind bereits über 60 Spin-Off-Unternehmen mit 1700 hochqualifizierten Arbeitsplätzen. In fünfzehn Forschungsbereichen und Forschungsgruppen, acht Kompetenzzentren und sechs „Living Labs“ werden Produktfunktionen, Prototypen und patentfähige Lösungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie entwickelt. Die Finanzierung erfolgt über Ausschreibungen öffentlicher Fördermittelgeber sowie durch Entwicklungsaufträge aus der Industrie.

Dazu gehört auch die Teilnahme an einem Projekt, in dem sich mittlerweile 47 Partner aus drei Bundesländern zusammengeschlossen haben, um zum Gelingen der Energiewende in Deutschland beizutragen. Im Rahmen von „Designetz“ leitet das DFKI einen Arbeitsbereich namens „IKT-Baukasten und integrierte Daten- und Diensteplattform“. Dessen Erkenntnisse und Entwicklungen sollen die Flexibilität in der Stromerzeugung und den dafür notwendigen Datenaustausch verbessern. Konkret geht es darum, Konzepte und Technologien zu entwickeln, wie intelligente Netze mit einer Einspeisung von zeitweise 100 Prozent erneuerbarer Energien eine sichere und effiziente Energieversorgung gewährleisten können – und das trotz oder gerade wegen der dezentralen Stromgewinnung.

Das flexibelste Display der Welt

Ein besonders spannendes Projekt wurde gerade im bundesweiten Innovationswettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ geehrt. Zum Thema „Stadt, Land, Netz! Innovationen für eine digitale Welt“ liefert das DFKI in der Kategorie Wissenschaft eine Antwort auf die Frage, wie sich bei der Darstellung digitaler Inhalte maximale Flexibilität erreichen lässt: Mit „Display as a Service“ (DaaS) können Displays unterschiedlicher Größe und Auflösung per Datennetzwerk zu einer riesigen Bildschirmwand verknüpft und von beliebigen Geräten bespielt werden. DaaS ersetzt die dazu bislang notwendigen Kabelverbindungen durch eine dünne Software-Schicht und ein generisches Netzwerk.

So sind völlig neue Formen der Gestaltung, der Steuerung und neue Gemeinschaftserlebnisse in der visuellen Kooperation möglich – was ein Video von einer Messe-Demonstration veranschaulicht. Der 75-sekündige Clip zeigt, wie Bilder und Filme auf einer durchgehenden Videowand, zusammengefügt aus einzelnen Displays, frei verschieb- und positionierbar sind.

Entwickelt wurde die Technologie im DFKI-Forschungsbereich „Agenten und Simulierte Realität“ sowie am Intel Visual Computing Institute, einer Forschungskooperation von Intel mit der Universität des Saarlandes, den Max-Planck-Instituten für Informatik und Softwaresysteme sowie dem DFKI.

Von Landwirtschaft bis Export – das DFKI ist überall dabei

Zwei weitere Beispiele für die Innovationskraft des Forschungszentrums haben wir hier bei der Intelligenten Welt bereits vorgestellt: Zum einen entwickelte das DFKI in Kaiserslautern ein System, das Mechatroniker bei der Wartung von landwirtschaftlichen Maschinen unterstützt. Das folgende Video stellt diese Lösung näher vor:

Zum anderen berichteten wir über eine Software, die Exportprozesse unkomplizierter und kostengünstiger machen sollen. Was bisher nur für große Unternehmen möglich war, geht nun auch in kleinen und mittleren Unternehmen – auch diese Softwarelösung des DFKI wird in einem Video-Porträt im Detail präsentiert.

Kein Wunder, aber eine Auszeichnung

Es ist also kein Wunder, dass sich Google das DFKI herausgesucht hat und sich via der Google Deutschland GmbH daran beteiligt. Aber es ist eine Auszeichnung, dass dieses deutsche Forschungszentrum das bislang einzige Forschungsunternehmen in Europa ist, an dem der Internetriese durch eine Kapitaleinlage und einen Sitz im Aufsichtsrat als Industriegesellschafter partizipiert. Chapeau!

 

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