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Google News Lab: Datengetriebener Journalismus soll Nachrichten verbessern

Aufmacherbild: Google

Kann Big Data die Welt auch im News-Bereich intelligenter machen? Das zumindest glaubt Google, wo im Laufe der Jahre wohl eher „Biggest Data“ entstanden ist. Seit gut 17 Jahren sammelt der Konzern Daten, indiziert Webseiten, analysiert das Suchverhalten seiner Nutzer und bietet immer wieder neue Hilfsmittel für eine effizientere Suche im Netz an. Und nun sammelt „Google News Lab“ alle Recherche-Tools in einer Art virtuellem Handbuch. Es richtet sich nicht nur an professionelle Journalisten, sondern soll auch Privatpersonen zur Aufbereitung von Daten und Berichterstattung jeglicher Couleur animieren.

Auszug aus einem Workshop-Artikel von "Online Today" aus dem Jahre 1999.
Auszug aus einem Workshop-Artikel von „Online Today“ aus dem Jahre 1999.

Auch das ist fast 17 Jahre alt: „Teuflisch schnell und himmlisch einfach“ – mit dieser Überschrift schloss sich damals der Verfasser dieses Beitrags der allgemeinen Begeisterung um die neue Suchmaschine aus Kalifornien an. Die detaillierten Erklärungen, wie man Google bedient, inklusive Geheimtipps und Spezialbefehle, stießen auf großes Interesse. Doch während die Zeitschrift „Online Today“, aus der der nebenstehend abgebildete Beitrag stammt, längst nicht mehr existiert, dreht Google immer noch seine Runden um den vernetzten Planeten, sammelt und analysiert, verknüpft und bewertet…

Vor diesem Hintergrund ist das, was Google vor kurzem präsentiert hat – das „Google News Lab“ –,  im Grunde keine Sensation, sondern fast ein alter Hut. Oder sogar mehrere alte Hüte. Aber alle wurden frisch herausgeputzt und auf dem Hutregal aufgereiht. Die meisten im „News Lab“ versammelten Tools gibt es tatsächlich schon lange, wurden bisher aber nur von Suchmaschinen-Kennern genutzt. Die große Mehrheit der Google-Nutzer beschränkt sich ja auf die Eingabe des bloßen Suchbegriffs und vertraut dann auf den Index des Marktführers.

Die Verknüpfung aus Suchanfragen und möglichst naheliegenden Fundstellen treibt mitunter seltsame Blüten, wie eine Sammlung auf giga.de beweist. Denn durch seine Autovervollständigung zeigt Google die am häufigsten gestellten Fragen sofort an. Und man mag wirklich nicht glauben, wonach die Leute offensichtlich suchen …

Die Autovervollständigung ist manchmal ziemlich lustig, skurril, denkwürdig und philosophisch.
Die Autovervollständigung ist manchmal ziemlich lustig, skurril oder auch denkwürdig.

Mehr als 200 Faktoren fließen in die Berechnung von Suchergebnissen ein – sagt Google. Mittlerweile hat der Index eine Größe erreicht, die der wörtlichen Bedeutung des Namens der Suchmaschine immer näher kommt: Der amerikanische Mathematiker Edward Kasner hatte der gigantischen Zahl 10 hoch 100 die englischsprachige Bezeichnung „Googol“ gegeben – was bei Google den immensen Umfang des Internets symbolisieren soll. Zum Glück haben sich die Programmierer damals nicht an dem deutschen Pendant orientiert: „zehn Sexdezilliarden“ klingt nicht annähernd so sexy.

Die Suchmaschine kann jedoch weit mehr, als nur Fundstellen zu Suchanfragen auszuspucken. Diese Möglichkeiten präsentiert Google nun unter einem Dach in seinem Nachrichten-Labor. Das „Google News Lab“ ist untergliedert in die Bereiche „Research“, Report“, „Distribute“ und „Optimize“.

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Die Kategorien des Google News Lab. (C) Google

Die Tools sollen die tägliche Arbeit von Journalisten vereinfachen, die Innovationsfähigkeit der Redaktionen steigern – aber eben auch generell alle Menschen dazu animieren, sich selbst in Sachen  Berichterstattung zu engagieren.

Mittlerweile hält Google eine so große Datenbasis vor, dass man daraus erstaunliche Erkenntnisse gewinnen kann. Beispielsweise Vorhersagen, wann und in welcher Region bestimmte Krankheiten ausbrechen könnten, weil dort überdurchschnittlich häufig nach ihren Symptomen gesucht wird. Das dafür angebotene Tool „Google Trends“ gibt es schon länger, wurde nun aber komplett überarbeitet und stellt seine Ergebnisse jetzt in Echtzeit zur Verfügung. Außerdem können sich Interessenten über einen Feed über aktuelle Entwicklungen informieren lassen.

Dabei wird die Trend-Anzeige jede Minute aktualisiert. Sie visualisiert, worüber im (Google-indizierten) Internet diskutiert wird. So können Journalisten, Blogger & Co. Nachrichten und Netzdiskussionen bei wichtigen Ereignissen praktisch ohne Zeitverzögerung mitverfolgen. In die Berechnung fließen sogar Video-Aufrufe bei Youtube und Artikel-Klicks bei Google News mit ein.

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Google Trends visualisiert Suchabfragen in Echtzeit. (C) Google

Ein praktisches Beispiel lässt das Potenzial von Googles „Biggest Data“ erahnen. Denn wo Trends im Minutentakt „begleitet“ und „errechnet“ werden, ist die Vorhersage der nächste Schritt. Und so wird Google jetzt sogar zum Mode-Scout. Auf Basis aller Suchanfragen im Bereich Mode, kombiniert mit geografischen Daten sowie Suchbegriffen rund um Kleidung, will Google zwei Mal im Jahr neue Fashion-Trends zusammenstellen. Nach eigener Aussage kann Google so sogar voraussagen, welche Trends schon wieder dabei sind, auszulaufen.

Über Online-Lektionen zur zielführenden Suche sowie hilfreichen Videos sollen Journalisten im News Lab lernen, wie sich die verschiedenen Tools für die eigene Berichterstattung nutzen lassen – vom Einsatz des Google-News-Archivs über die Einbindung von Maps bis zur Verbreitung der eigenen Inhalte.

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Rückwärts-Suche für die Überprüfung von Bildern. (C) Google

So hilft zum Beispiel die „Reverse Image Search“ bei der Überprüfung der Herkunft von Bildern.

Best-Practice-Beispiele aus Redaktionen wie „New York Times“, „The Guardian“ oder „The Verge“ zeigen den Einsatz im journalistischen Alltag am Beispiel verschiedener Visualisierungen.  So zeigt etwa die Verteilung nicht-krankenversicherter US-Bürger oder die Verteilung Obdachloser in Großbritannien, wie sich trockenes Datenmaterial ansprechend und informativ aufbereiten lässt. Google behauptet, seinem Tool „Trends“ quasi ein Tuning speziell für Journalisten verpasst zu haben.

„Newswire“ ist ein eigener Nachrichtenkanal auf Youtube, der von verschiedenen Medienpartnern bedient wird und dabei auch wiederum als Recherchequelle für Journalisten dienen soll. Google legt Wert darauf, dass dabei auch eine Verifizierung der Inhalte erfolgt: Ein Team aus Experten übernimmt nicht nur die Auswahl, sondern prüft auch die Korrektheit der Meldungen und Videos. Neuigkeiten erfahren Nutzer über einen täglichen Newsletter oder über Twitter.

Mit „Bürgerreportern“ wiederum beschäftigen sich die Projekte „First Draft“ und „Witness Media Lab“, denn User-generierte Inhalte werden nach Meinung von Google die etablierten Nachrichtenredaktionen immer stärker ergänzen.

Nach eigener Aussage will Google mit seiner Initiative die Qualität von Nachrichten verbessern. „Man kann sich kaum eine wichtigere Informationsquelle auf dieser Welt vorstellen als Qualitätsjournalismus“, schreibt News-Lab-Chef Steve Grove in einem Blog-Post. Dass „die Medien“, gleich welcher Art, bei cleverer Anwendung der Google-Tools diesem Ziel näherkommen, ist keine unrealistische Erwartung. Klar ist allerdings auch, dass Google solche Angebote nicht selbstlos unterbreitet. Denn auch die Nutzung der beschriebenen Werkzeuge füttert wiederum die exponentiell wachsende Datenbasis von Google.

Kritiker sorgen sich darüber hinaus, ob der Konzern nicht auch irgendwann Nachrichten beeinflussen wird. Dazu würde ausreichen, die vorliegenden Daten „manipulativ anders“ zu bewerten. Allerdings ist auch dies an sich kein neues Problem – schon heute muss sich Google den Vorwurf gefallen lassen, die von seinen Nutzern wahrgenommene Realität (beziehungsweise den wahrgenommenen Ausschnitt daraus) allein durch die Auswahl und Gewichtung seiner Suchergebnisse zu prägen.

Google verweist bei solchen Vorwürfen darauf, dass sich das Unternehmen selbst höchste Neutralität auferlegt hat. Wer, wie wohl fast jeder von uns, seine Dienste regelmäßig nutzt, vertraut dieser Zusicherung – bewusst oder unbewusst.

Übrigens: Das Online-Lexikon Wikipedia resümiert zur Zahl Googol ziemlich nüchtern: „Der praktische Nutzen dieser theoretischen Bezeichnungen ist gering, sodass sich nur wenige Anwendungen nachweisen lassen.“ Wer weiß, ob dieses Fazit nicht irgendwann relativiert werden muss.

René Wagner

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